Familiäre Krisen gewaltfrei meistern

Anti-Gewalt-Projekt für türkische Männer

Von Dorothea Jung

Anti-Gewalt-Training kann auch präventiv eingesetzt werden. (Stock.XCHNG / Per Hardestam)
Anti-Gewalt-Training kann auch präventiv eingesetzt werden. (Stock.XCHNG / Per Hardestam)

Männergewalt in Familien ist in allen Kulturen ein Problem. Eine Berliner Selbsthilfegruppe kümmert sich im Problembezirk Neukölln ausschließlich um türkischstämmige Väter - und bildet ehemalige Gewalttätige zu Anti-Gewalt-Beratern aus.

Berlin Neukölln, 18 Uhr. Vätergruppentreffen im Verein "Aufbruch". Etwa 20 türkischstämmige Neuköllner sitzen vor winzigen Teegläsern und begutachten ein T-Shirt, das Kazim Erdogan in die Höhe hält. "Männer gegen Gewalt" ist darauf gedruckt. Darunter ein Paar Engelsflügel kombiniert mit einem anatolischen Schnurrbart.

Kazim Erdogan: "Man kann da sehen, auch schnurbärtige Anatolier können Engel werden. Und die Rückseite ist auf Türkisch."

Kazim Erdogan ist Diplompsychologe und leitet die türkische Vätergruppe im Berliner Problembezirk Neukölln. Seit fünf Jahren wird hier geübt, wie man familiäre Krisen gewaltfrei meistern kann, sagt Kazim Erdogan. Jetzt gehe es um die Etablierung des Gelernten:

"Dass die Leute das T-Shirt im Sommer immer wieder anziehen und sich immer wieder an das Thema Gewalt erinnern. Weil, wenn man das nicht mit einem präventiven Projekt verbindet, dann vergisst man das."

Selbstvergewisserung und Festigung einer gewaltfreien Haltung ist aber nur ein Aspekt der T-Shirt-Aktion. Gruppenmitglied Volkan Cetintas zum Beispiel will das T-Shirt anziehen, um Farbe zu bekennen:

"Außerhalb der Gruppe gibt es wahrscheinlich sehr wenige Männer oder Väter, die sich überhaupt trauen, Hilfe zu suchen, die sich sogar dafür schämen. Ich möchte damit auch ein Zeichen setzen: Guckt, schaut mich an, ich bin auch ein Ausländer, ich trage dieses Shirt und ich beanspruche auch Hilfe."

Volkan Cetintas war unter emotionalen Druck geraten, weil er an seiner Arbeitsstelle massiv gemobbt wurde. Der Metallfacharbeiter hatte Angst, dass sich dieser Druck in aggressiver Gewalt gegen seine Familie entladen könnte. Aber der 34-Jährige zog vorher die Reißleine: Er suchte die türkische Selbsthilfegruppe von Kazim Erdogan auf und fand dort Verständnis und Unterstützung:

"Jeder, der von seinen Problemen erzählt als gestandener, in Anführungszeichen, anatolischer Mann, der hier seine Gefühle äußert und auch einmal Tränen zeigen kann, der bekommt Mitgefühl von seinen Freunden"

"Verständnis und Mitgefühl von Leidensgenossen zu erfahren, ist sehr heilsam", bekennt der 54-jährige Ali Uckan:

"Das Heilsame an dieser Vätergruppe ist, dass man in einer Gemeinschaft von Vätern ist, die ähnliche Sorgen haben und nach Lösungen suchen, da wir hier das ganze Spektrum an Alltagsproblemen besprechen."

Der promovierte Chemiker arbeitet heute als Berufsschullehrer in Berlin. Seine Kindheit in der Türkei war von täglichen Schlägen geprägt:

"Das habe ich leider dann übernommen und in meiner Ehe und bei meinem Sohn auch sehr intensiv angewandt."

Die Folgen: Ehescheidung und eine schwere persönliche Krise. Nach fast drei Jahren Anti-Gewalt-Training in Kazim Erdogans Neuköllner Vätergruppe ist Ali Uckan jedoch sicher: Heute können ihm derartige Gewaltausbrüche nicht mehr passieren. Ali Uckan gehört zu den sechs Vätern, die vom Gruppenleiter Erdogan vor Kurzem mit einem Mobiltelefon ausgerüstet wurden, um die Beratungshotline für türkische Männer in Krisensituationen zu bedienen. Es geht um eine telefonische Erstberatung, erklärt Diplompsychologe Kazim Erdogan:

"Weil die meisten Gewaltvorfälle spät abends, nachts oder am Wochenende passieren, wo die Kriseneinrichtungen zu haben."

Kazim Erdogan ist sicher: Die Männer seiner Selbsthilfegruppe, die selbst Gewalt erlebt und ausgeübt haben und die in der Gruppe Mitgefühl erfahren und gelernt haben, werden gute Beratungsarbeit leisten.

Erdogan: "Der beste Anti-Gewalt-Therapeut ist der Mensch, der Gewalt ausgeübt hat. Weil er am besten beschreiben kann, wie er gefühlt hat. Und er kann mit den Menschen auf der gleichen Augenhöhe sprechen. Und das sind die wichtigsten Kriterien bei der Arbeit."


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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:52 Uhr