Flexible Farbenlehre in Eimsbüttel

Schwerpunkt: Wahlen in Hamburg, Teil 1

Von Verena Herb

Viele junge Familien leben in Eimsbüttel. (AP)
Viele junge Familien leben in Eimsbüttel. (AP)

In Eimsbüttel sind die "normalen" Hamburger zu Hause. Viele junge Familien, Studenten, "Two-Income-No-Kids-Paare" und Rentner. Hier wird der Müll getrennt und Bio-Läden haben Hochkonjunktur. Und Eimsbüttel besinnt sich wieder auf seine ursprünglichen Wurzeln: Bürgerlich linksliberal.

Wochenmarkt in der Gustav-Falke-Straße im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Wenige Tage vor der Wahl ist Politik durchaus ein Thema am Marktstand:

"Diese, diese Wahl - die wird garantiert an diesen Personen festgemacht. Also ich hätte auch noch diesen Ole von Beust, hätte ich noch die CDU gewählt. Aber doch nicht mit Ahlhaus. Aber den Scholz kann man nun gar nicht haben, das ist ein machtgeiler... Hauptsache Bürgermeister. Ja, was macht der Herr Ahlhaus denn..."

Am Eingang des Marktes hat die CDU ihren Infostand aufgebaut: Unter einem Sonnenschirm drängeln sich die Wahlkämpfer, bevor sie mit ihren grell orangenen Schals Flyer und Kugelschreiber verteilen. Die politische Konkurrenz der Konservativen bleibt aus an diesem Morgen. Die "Schwarzen" sind allein auf weiter politischer Flur. Sie müssen um jede Stimme kämpfen und sie wissen: Gerade Eimsbüttel ist ein schweres Pflaster. Katharina Wolff ist 27 Jahre alt, Unternehmerin, Schlagersängerin und CDU Kandidatin für die Bürgerschaftswahl. Sie erklärt, was offiziell und natürlich unisono überall von den Unionswahlkämpfern zu hören ist:

"Die Stimmung auf der Straße und bei den Bürgern ist sehr viel besser, als die 26 Prozent vermuten lassen."

Gute Stimmung, wunderbar. Nicht entmutigen lassen lautet die Devise. Aber die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Umfrageergebnisse der CDU sind im Keller. Dabei hatte die Partei gerade noch bei der letzten Bundestagswahl in Hamburg ein gutes Ergebnis eingefahren. Vor allem in Eimsbüttel, wo der CDU-Kandidat Rüdiger Kruse das Direktmandat gewann. Traditionell regieren in Eimsbüttel SPD und GAL: Eimsbüttel ist der Wahlkreis von Krista Sager, der grünen Spitzenkraft. Mit Kruse kam der Wechsel. Erstmals ins Eimsbüttel: Schwarz schlägt Rot-Grün.
Sielke Salomon lebt seit 1968 in Eimsbüttel. Als Studentin kam sie in den Stadtteil, der damals noch als "schlechte Adresse" galt: Heute gehört er zu den beliebtesten Quartieren in der Hansestadt: Bezahlbare Wohnungen sind rar.

"Das Milieu hat sich verändert, in den Jahren in denen ich hier lebe. Es herrscht hier jetzt ein von Alternativen, von Studierenden, eher jungen Kreativen, gut ausgebildeten und auch gut verdienenden Menschen."
Die politisch eher bürgerlich linksliberal einzuordnen sind. Selbst Jene wählten bei der letzten Wahl Ole von Beust - erinnert sich Udo Salomon, ihr Mann:

"Ich habe von ganz vielen, denen ich das nicht zugetraut hätte gehört, sie hätten CDU gewählt. Aber die haben nicht CDU gewählt, und die haben Ole von Beust gewählt. Der sympathisch ist, der liberal ist, der auf die Menschen zugehen konnte.""

Nicolai Albrecht ist Markthändler, verkauft Kartoffeln und Gemüse aus der Region. Schon lange lebt er im nördlichen Teil Eimsbüttels.

""Ich war mal überzeugter CDU-Wähler. Ich glaube, 18 Jahre lang. Aber die nächsten 18 nicht mehr. Also Ole von Beust hätte ich eventuell wieder gewählt, Ahlhaus finde ich ungefähr so aussagekräftig wie ein weißes Blatt Papier. Ich habe vorhin gesagt, ich würde den wahrscheinlich gar nicht erkennen, wenn der auf der Straße an mir vorbeiläuft. Und genau so blass finde ich ihn auch als Politiker einfach."

Seitdem der Freiherr sich aus der Politik zurückgezogen hat, geht es mit seiner Partei bergab. Als Reaktion auf den Koalitionsbruch Grünen proklamiert Christoph Ahlhaus die Rückkehr: "CDUpur" soll es nun richten. Die Christdemokraten wollen ihre durch den Volksentscheid zur Schulreform vergraulten Stammwähler wieder zurückgewinnen. Doch deren Anteil liegt in Hamburg bei gerade einmal 25 Prozent. Das reicht nicht, weiß auch Katharina Wolff, die junge CDU-Kandidatin:

"Diese etwas konservative Linie ist nicht das wofür ich stehe. Ich glaube, Ole von Beust hat auf jeden Fall eine Sache auf jeden Fall richtig geschildert: Und zwar dass wir wieder zurück müssen zur modernen Großstadtpartei."

Gegen die SPD wird die CDU wohl nicht mehr ankommen. Deshalb der erklärte Feind im Wahlkampf: Der ehemalige Koalitionspartner, die GAL. Bei der älteren Dame, die gerade ihre Einkäufe in ihrer Tasche verstaut, kommt das nicht gut an:

"Das ist genau, wie wenn ich eine Ehe hab, hab meinen Mann mal geliebt, und gehe dann rum und erzähle dann bösartige Sachen. Das tut man einfach nicht. Ne? Sie haben sich die Koalition ausgesucht, und jetzt machen sie die runter. Dabei sind sie doch genauso mit schuldig was jetzt ist, wie die Grünen."
Deshalb wird sie Olaf Scholz wählen am kommenden Sonntag:

"Ich glaube, dass das ein Mann ist, der auf dem Boden der Wirklichkeit steht. Er wird auch nicht alles richtig machen, für mich nicht alles richtig machen. Aber es ist die bessere Alternative."
Wenn die Hamburger den Ersten Bürgermeister direkt wählen könnten, würden sich derzeit 64 Prozent für Olaf Scholz und 21 Prozent für Ahlhaus entscheiden. Der SPD-Spitzenkandidat hat damit die herausragende Rolle übernommen, die bei den letzten beiden Bürgerschaftswahlen noch Ole von Beust gespielt hat. In Hamburg herrscht Wechselstimmung.

Übersicht zur Serie im Deutschlandfunk:

Vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr