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Frischer Wind für frischen Strom

Serie zum Energiekonzept der Bundesregierung

Von Matthias Günter

Blick auf Fehmarns Küste  (Ellen Häring)
Blick auf Fehmarns Küste (Ellen Häring)

Fehmarn ist nicht nur eine Ferieninsel, sondern auch ein Windenergie-Standort. 80 Windkraftanlagen stehen dort und liefern umweltfreundlichen Strom.

Der Fehmaraner Karl Detlef ist Geschäftsführer mehrerer Windparks.

Ihn freut es, wenn sich die Windräder drehen. Doch manchmal stehen sie gerade bei kräftigem Wind still, weil der Strom nicht abfließen kann. Und das ärgert Karl Detlef:

"Wir haben erste Abschaltungen gehabt, und oberstes Ziel sollte es sein, die Netze auszubauen. Nicht nur in Schleswig-Holstein, auch in Mecklenburg, Brandenburg, Richtung Berlin, aber auch im Verbund europaweit. Und wir fordern unsere Elektrizitätsversorgungsunternehmen auf, im Interesse des Klimaschutzes und im Interesse der mittelständischen Wirtschaft auf, die Netze auszubauen."

Die Windenergiebranche befürchtet nun, dass durch längere Laufzeiten der Atomkraftwerke bei gleichzeitigem Ausbau der Windenergie-Kapazitäten Windstrom immer öfter ungenutzt bleibt, weil Atomstrom die Netze verstopft. Offenbar gehe auch die Bundesregierung davon aus, meint Hermann Albers, der Präsident des Bundesverbandes WindEnergie. Er verweist darauf, dass nach der Prognose der Bundesregierung die Zahl der sogenannten Volllaststunden sinken wird – also die Zahl der Stunden, die ein Windrad pro Jahr mit voller Leistung laufen kann:

"Im Energiekonzept wird der Bereich der Volllaststunden von 2200 zurückgeführt auf 1600 Volllaststunden – während meine Projekte heute schon 3000 bis 3500 Volllaststunden, und zwar heute, nicht in 2050, bereits erreichen. Das muss umgekehrt gelesen bedeuten, dass zumindest vorgesehen ist, die Windkraft abzuschalten."

Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz hat aber Windstrom Vorrang. Das bedeutet: die Energiekonzerne müssen den Betreibern von Windkraftanlagen auch bei verstopften Netzen und deshalb stillstehenden Windrädern den Windstrom bezahlen, der theoretisch hergestellt und eingespeist werden könnte. Thorsten Herdan, Energieexperte des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, befürchtet, dass diese Regelung irgendwann infrage gestellt wird.

"Solange dieser Vorrang nicht kippt, brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Allerdings muss man sich natürlich die Frage stellen, inwieweit auch hier Gesetze demnächst beschlossen werden, die ähnlich wie Laufzeitverlängerungen auch diesen Vorrang kippen könnten."

Ausreichende Netzkapazitäten würden das Problem lösen. Vor fünf Jahren hatte die Deutsche Energie-Agentur ermittelt, dass zusätzliche Stromleitungen in einer Länge von 850 Kilometern nötig wären. Davon sind erst 90 Kilometer gebaut. Bei der windcomm, einer vom Land Schleswig-Holstein unterstützten Agentur zur Förderung der Windenergie, wird befürchtet, dass verlängerte Atomlaufzeiten die Energiekonzerne nicht gerade darin beflügeln, das Stromnetz auszubauen. Windcomm-Chef Matthias Volmari:

"Wenn ein größeres Stromangebot an konventionellen Energieträgern da ist, und man auch diesen Strom zu einem guten Preis verkaufen kann, dann ergibt sich nicht unbedingt die Notwendigkeit, in den Stromnetzausbau für die erneuerbaren Energien zu investieren."

Bei der gerade zu Ende gegangenen weltgrößten Messe zum Thema Windenergie, der Husum Wind Energy, haben Vertreter der Branche das Energiekonzept der Bundesregierung immer wieder kritisiert. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen versuchte, längere Laufzeiten für Atomkraftwerke mit den Interessen der Windkraft-Unternehmer in Einklang zu bringen:

"Wir lassen noch zu oft bei gutem Wind unsere Mühlen stehen, weil die Netze nicht für den Transport des Stroms ausreichen. Das darf nicht so bleiben. Und die aktuell diskutierte Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke sehe ich als Chance, zusätzliche finanzielle Mittel zu erwirtschaften. Dieses Geld muss auch in den Ausbau der Stromnetze fließen."

Das wäre ganz im Sinne von Windpark-Geschäftsführer Karl Detlef auf der Insel Fehmarn. Denn nur mit leistungsfähigen Stromnetzen kann seine Vision Wirklichkeit werden:

"Heute sind wir in der Lage, auf der Insel Fehmarn 350.000 Menschen mit umweltfreundlicher Energie zu versorgen. Ziel sollte es sein, 2020 dann die Umsetzung zu haben auf 700.000 bis 800.000 Menschen – frische umweltfreundliche Energie, hergestellt in Deutschland auf der Ferieninsel Fehmarn."

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:38 Uhr