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"Froh, woanders hinzugehen"

Nachruf auf Stéphane Hessel

Von Burkhard Birke

Stéphane Hessel (picture alliance / dpa)
Stéphane Hessel (picture alliance / dpa)

Mit Empörung und über 90 Jahren schaffte er es noch einmal auf die Bestsellerlisten: Auf gerade einmal 30 Seiten rief Stéphane Hessel zur Empörung über die Ungerechtigkeiten und Missstände dieser Welt auf und wurde zum glücklichen Rebell der jungen Generation.

Viereinhalb Millionen Mal verkaufte sich sein Büchlein in 35 Ländern: Für die "Occupy Wall Street"-Bewegung und die Arabellion wurde er eine Art Kultfigur.

"Dass es so einen enormen Erfolg gehabt hat, lag wahrscheinlich nur daran, dass es so klein und billig war und weil es die Leute kauften, weil es ihnen einen Anlass gab, sich zu äußern."

Bescheiden gab sich Stéphane Hessel stets, obwohl er sichtlich geschmeichelt war vom späten Erfolg.

"Wir müssen jetzt etwas ändern an der Art und Weise wie unsere Gesellschaften zusammen miteinander leben."

... war sein Credo und sein Appell bis zum letzten Tag. Denn:

"Die schlimmste Gefahr hängt damit zusammen, dass wir unsere Erde nicht beschützt haben. Wir leben auf einem gefährdeten Planeten, aber die andere ist natürlich auch die ungerechte Verteilung der Güter zwischen den reichen armen und den sehr sehr armen Teilen. Teilen nicht nur unserer Gesellschaft, sondern Teilen jeden Landes, nicht nur, dass es arme Länder gibt, sondern bei uns selbst."

sagte der 95-Jährige beim Interview letzten Dezember in seiner Wohnung im 14. Pariser Arrondissement.

Als Siebenjähriger bereits kam Stéphane Hessel nach Paris. In Berlin hatte er jedoch das Licht der Welt erblickt - als Sohn des Schriftsteller Franz Hessel und der Malerin Helen Grund: einer Beziehung, die übrigens dem französischen Regisseur François Truffaut Modell für den Film "Jules et Jim" über eine Dreiecksbeziehung stand.

Mit 20 nahm Hessel die französische Staatsbürgerschaft an und kämpfte in der Résistance:

"Ich wurde festgenommen von der Gestapo, zu Tode verurteilt und nach Buchenwald geschickt. Dort wurde ich gerettet durch einen wunderbaren deutschen Helfer, Eugen Kogon, der es möglich machte, dass ich die Identität eines jungen Franzosen übernehmen konnte, der nicht zum Tode verurteilt war, aber an Typhus gestorben war."

1945 kehrte Hessel nach Paris zurück, wurde Diplomat, arbeitete die UN-Menschenrechtscharta mit aus. 1981 ernannte Frankreichs Präsident Mitterrand ihn zum Ehrendiplomaten. Stéphane Hessel blieb sein Leben lang engagiert - auch für die Rechte der Palästinenser: Seine Boykottaufrufe gegen israelische Waren und Kritik an der israelischen Politik bescherten ihm nicht nur Beifall.

Seinem Bestseller "Empört Euch!" folgte ein zweites Büchlein: "Engagiert Euch!" Und er selbst engagierte sich auch im letzten Wahlkampf in Frankreich für den sozialistischen Kandidaten François Hollande. Geistig fit, bis zuletzt konnte er ellenlange Gedichte in verschiedenen Sprachen zitieren, erlitt er im April einen Schwächeanfall. Beim Interview im Dezember ahnte er, dass er nicht mehr lange zu leben haben hatte:

"Jetzt kommt bald der Tod und ich empfinde ihn als das gute Ende eines langen Lebens. Und ich bin froh, woanders hinzugehen nach unserem gemeinsamen Tod."



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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:07 Uhr