Gastbeitrag Akzeptanz und Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Von Monika Grütters

Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters (© Elke Jung-Wolff)
Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters (© Elke Jung-Wolff)

Prof. Monika Grütters ist seit 2013 Staatsministerin und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Vorherige berufliche Stationen waren Museen, Opernhäuser und Verlage, bevor sie in großen Unternehmen für Kunst- und Kulturprogramme verantwortlich war. Als Vertreterin des Bundes ist sie Mitglied im Deutschlandradio-Verwaltungsrat.


Die Wirklichkeit in all ihren Farbschattierungen wahrzunehmen und darzustellen, zeichnet jenen kritischen Journalismus aus, der mit Recht für sich in Anspruch nimmt, schlagkräftige Schutzmacht der Demokratie zu sein. Dennoch blieb die Tatsache, dass viele Menschen ihre Lebenswirklichkeit in den gesellschaftlichen Debatten und damit auch in der medialen Berichterstattung nicht mehr angemessen repräsentiert sehen, lange journalistisch und politisch unterbelichtet. In so mancher Redaktion stellt man selbstkritisch fest, dass mit dem Rückzug aus den Regionen, mit dem Verzicht auf eigene Lokalreporter, mit der Konzentration auf die Metropolen und auf die Themen, die in urbanen Milieus diskutiert werden, auch das Gespür für Sorgen und Nöte weiter Teile der Bevölkerung verloren gegangen ist.

Mit dem thematischen Relevanzverlust für Teile der Gesellschaft litten aber auch Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die etablierten Medien. Medienvielfalt einerseits und Vertrauen in die Medien andererseits sind jedoch unverzichtbar, um Populisten Paroli bieten zu können und in einer Zeit der Zersplitterung in eine Vielzahl von (Teil-) Öffentlichkeiten den gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu moderieren. Dazu trägt zum Beispiel die hart erkämpfte und vor einigen Monaten verabschiedete EU-Urheberrechtsrichtlinie mit einem Leistungsschutzrecht für Presseverleger bei. Denn nur wenn wir es schaffen, auch in wirtschaftlicher Hinsicht funktionale Rahmenbedingungen für die freie Presse aufrechtzuerhalten, bleibt diese zentrale Säule unserer Demokratie in ihrer Unabhängigkeit erhalten. Auch ein zukunftsfähiger öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist unverzichtbarer Bestandteil unserer dualen Medienordnung. Seine staatsferne Organisation und Finanzierung sichern seine Unabhängigkeit, die sich nach einer Studie der Gutenberg Universität Mainz in den höchsten Glaubwürdigkeitswerten aller Medienangebote niederschlägt. Doch in einer Zeit, in der die Medienlandschaft hochdynamisch und von kurzen Innovationszyklen geprägt ist, muss auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk Bereitschaft zur Fortentwicklung zeigen, um nicht an Akzeptanz und Glaubwürdigkeit zu verlieren. Dies muss nicht ausschließlich im Rahmen des herkömmlichen Rollenverständnisses erfolgen. "Es besteht", so heißt es im aktuellen Medien- und Kommunikationsbericht der Bundesregierung, "durchaus auch ein Bedarf an neuen Funktionen öffentlich-rechtlich finanzierter Medienakteure, zum Beispiel, indem dort Orientierung und Einordnung angeboten werden, wo Debatten etwa durch bewusst gestreute falsche Nachrichten oder aggressive Kommunikation verzerrt werden."

Für einen interessanten Vorschlag, wie Journalistinnen und Journalisten selbst mehr Vertrauen schaffen können, setzt sich seit einigen Jahren das amerikanische ,Solutions Journalism Network‘, also das ,Netzwerk für lösungsorientierten Journalismus‘, ein. Die gemeinnützige Organisation wurde von Reportern der New York Times ins Leben gerufen – ihre Mitglieder haben es sich zur Mission gemacht, Missstände nicht nur anzuprangern, sondern auch zu fragen: "Wer macht es besser?" So lässt sich verhindern, dass Kritik an gesellschaftlichen Missständen Ohnmachtsgefühle und Hoffnungslosigkeit nährt – und in der Folge daraus Wasser auf den Mühlen populistischer Hetzer wird.

Journalistisches Ethos ist jedenfalls ebenso wichtig wie medienpolitisches Engagement, um das Vertrauen in die Medien zu erhalten. Mag die Versuchung, mediale Inhalte an leicht kommerzialisierbaren Unterhaltungsinteressen auszurichten, im digitalen Zeitalter auch größer sein denn je: Leser, Hörer und Zuschauer sind nicht nur Konsumenten auf einem Markt, auf dem die Nachfrage das Angebot bestimmt, sondern Bürgerinnen und Bürger, die einen Anspruch haben auf das, was Qualitätsmedien zu leisten imstande sind.


Aus dem Programmheft, Ausgabe September 2019