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Gastbeitrag Der Kölner Kongress und seine gelebte Vision des Radios

Von Martin Zeyn

(© BR - Philipp Kimmelzwinger)
Martin Zeyn (© BR - Philipp Kimmelzwinger)

Radio als ‚Kino im Kopf‘ zu bezeichnen, empfand ich immer als ein etwas schiefes Bild. Denn mein großes Kino waren immer die Wortpaläste, vulgo Romane, Hörspiele, Features. Worte brauchen keine Bilder, sie erschaffen welche. Anfreunden konnte ich mich hingegen mit einer Metapher vom ‚Ein-Personen-Theater‘. Tatsächlich hat für mich das Radiohören etwas mit Einsamkeit zu tun, mit einem Zuhören, das nicht durch ein Gespräch unterbrochen werden sollte – oft zum Leidwesen meiner Frau. Und trotzdem komme ich immer gerne auf den Kölner Kongress, wo das gemeinsame Zuhören zelebriert wird. Aber eigentlich ist Zuhören hier ein zu schwaches Wort. Es gibt Klangskulpturen und Performances, Live-Inszenierungen und Berichte von Radiomachern weltweit. Alle erzählen begeistert von ihren Projekten, alle lieben das Radio als Medium. Wer es bisher nicht wusste, spürt es hier: Radio ist einer der aufregendsten Plätze, die es gibt – eine virtuelle Realität lange vor dem Internet, die für das gesamte Welttheater, für das politische wie für das kulturelle, Raum bietet. Nur vergessen wir Radiomacherinnen und -macher es manchmal selbst: abgestumpft von Routine, Zeitdruck und überlangen Konferenzen. Als "Selbstversunkenheit" hat das der Soziologe Richard Sennett einmal kritisiert. Und da tut es gut zu sehen, wie normale Hörerinnen und Hörer neben den Profis sitzen, verbunden durch das Interesse am Radio. Dieses alte Medium lebt!

Was mich immer wieder ermuntert, ist eine Erinnerung: Radio war in meiner Jugend – in den 80ern, also im letzten Jahrtausend – ein aufregendes Medium. Manchmal habe ich mit dem Finger an der Starttaste meines Kassettenrekorders gewartet, bis endlich die Sendung begann. Nicht nur hören, sondern wenn es toll war, immer wieder hören! Und wehe, wenn die 60 Minuten Aufzeichnungskapazität auf einer Kassettenseite nicht ausreichten. Bis heute ist meine härteste Kritik an einer Sendung, sie habe keinen richtigen Schluss.

Über Dramaturgie, Information und Erzählen zu reflektieren, also über Radio nachzudenken, das ermöglicht der Kölner Kongress. Vor allem aber: Radio zu erleben. Zum Beispiel mit einer karg-poetischen Klanginstallation von Michaela Melián. Die bildende Künstlerin, Musikerin und Professorin schert sich nicht um Genregrenzen, ihre Werke verbinden leichthin verschiedene Sinneserfahrungen. Ihr ‚Chant du Nix‘, in dem sie mittels Texten, Streichinstrumenten und Trichterlautsprecher die Geschichte der Radiomusik in der Weimarer Republik re-inszeniert, wird am 15.3. im Kölner Funkhaus von Deutschlandradio aufgeführt: live und kostenlos – wie der gesamte Kongress.

Schall, Klang und Texte zu spüren, ist eine intime Erfahrung. Und damit eine seltene, meint zumindest Richard Sennett, der den Eröffnungsvortrag auf dem Kölner Kongress halten wird. Seine These: Die Moderne ist geprägt vom Verlust von bürgerlicher Intimität. Der US-amerikanische Soziologe beklagt aber nicht nur diesen Zustand. Er ist davon überzeugt, Kunst und Diskussion hätten im öffentlichen Raum eine zivilisatorische Wirkung. ‚Theatrum Mundi‘ heißt denn auch sein internationales Forschungs- und Aktionsprojekt, das an der Vision einer menschenfreundlicheren Stadt arbeitet. In diesem diskursiven Welttheater gibt es bestimmt einen Platz für ein sonisches Ein-Personen-Theater, das in den intimsten Radiomomenten entsteht. Und immer wieder auf dem Kölner Kongress! Der erfüllt Sennetts Definition eines lebendigen öffentlichen Platzes: "… dass er Personen miteinander mischt und eine Vielfalt von Aktivitäten anzieht."


Martin Zeyn, 1964 geboren, war schon mit 16 Jahren ein bekennender Freund des Wortradios. Er studierte in Hamburg, St. Petersburg und Moskau und
schreibt seit über 20 Jahren Features und Essays für den Funk. Heute leitet er das Nachtstudio im Bayerischen Rundfunk.


Kölner Kongress 2019, 15./16. März
Deutschlandfunk
Eintritt frei. Zur besseren Planung: Anmeldung unter koelnerkongress@deutschlandfunk.de
Weitere Informationen und Programm unter
koelner-kongress.de
#kkongress19


Aus dem Programmheft, Ausgabe März 2019