Gastbeitrag Die Bedeutung des Hörfunks in Zeiten der Krise

Von Prof. Monika Grütters

Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters (© Elke Jung-Wolff)
Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters (© Elke Jung-Wolff)

Gerade in Krisenzeiten sind guter Journalismus und Qualitätsmedien Garanten der Demokratie. Sie sind nicht nur unverzichtbare Informationsquelle, sondern stärken auch die öffentliche Debatten- und Streitkultur.


Prof. Monika Grütters, MdB, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Vorherige berufliche Stationen waren Museen, Opernhäuser und Verlage, bevor sie in großen Unternehmen für Kunst- und Kulturprogramme verantwortlich war. Als Vertreterin des Bundes ist sie Mitglied im Deutschlandradio-Verwaltungsrat. 


"Der neue Mobilfunkstandard 5G verbreitet Corona": Falschmeldungen dieser Art zu Covid-19 zirkulieren derzeit im Netz. Das Virus ist unsichtbar, das eigene Wissen begrenzt, die Unsicherheit groß. Das verschafft selbst ernannten Experten und auch Verschwörungstheoretikern Aufmerksamkeit, weckt aber auch das Bedürfnis nach zuverlässigen Informationsquellen und sachlicher Orientierung. Gerade gesamtgesellschaftliche Themen und große Umbrüche erfordern einen verlässlichen Kompass in der stündlichen Informationsflut.

Die öffentlich-rechtlichen Sender jedenfalls verzeichnen gerade Rekordzahlen bei den Einschaltquoten und den Zugriffen auf ihre Online-Angebote. Gleiches gilt für die Online-Angebote der Qualitätspresse. Und ganz vorne dabei ist der Hörfunk. In der Corona-Krise ist laut einer Studie der Radiozentrale der Hörfunk für 52 Prozent der Deutschen ein unverzichtbares Medium. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen und der Hörfunk genießen laut dieser Umfrage das höchste Vertrauen unter allen Medien. Die meisten Menschen können also durchaus den Unterschied zwischen gut recherchierten Informationen und frei flottierenden Meinungen erkennen. Viele, auch junge, internetaffine Nutzer verlassen sich in der Krise auf Qualitätsmedien, die den Anspruch verfolgen, Orientierung zu bieten, zu bewerten, einzuordnen und die souveräne Meinungsbildung zu stärken. Mit sorgfältigen Recherchen beleuchten sie idealerweise Fallzahlen und wissenschaftliche Untersuchungen, lassen unterschiedliche Perspektiven beispielsweise von Virologen und Volkswirten, Soziologinnen und Juristinnen zu Wort kommen und moderieren so den öffentlichen Diskurs.

In der aktuellen Ausnahmesituation sind Eingriffe in unsere gewohnten Freiheiten für einen gewissen Zeitraum notwendig, um Leben zu schützen. Gerade deshalb sind wir mehr denn je aber auch darauf angewiesen, dass über politische Maßnahmen kontrovers diskutiert wird, dass Argumente abgewogen werden und unterschiedliche Positionen zu Wort kommen. Eine lebendige Debatten- und Streitkultur ist Bedingung und Beleg unseres freiheitlich demokratischen Gemeinwesens. Nur so lassen sich adäquate Entscheidungen treffen und Verständnis für staatliche Maßnahmen gewinnen. Dies ist unverzichtbar, wenn die Bevölkerung die notwendigen Einschnitte solidarisch mittragen soll. Eine stabile und lebendige Demokratie auch im Krisenmodus zeigt, weshalb unsere vielfältige unabhängige Medienlandschaft zu jeder Zeit systemrelevant ist.

Qualitätsjournalismus kann sich am besten in passgenauen Sendeformaten entfalten. Eine Herausforderung medialer Berichterstattung – gerade auch zur Corona-Pandemie – ist die zunehmende Simplifizierung, geschuldet nicht zuletzt einem eng getakteten Meldungs- und Sendeablauf. Hier tritt eine entscheidende Stärke des Hörfunks hervor, denn dieser eröffnet mit seinen breiteren Sendeformaten den notwendigen Raum, um auch komplexe Themenkreise mit angemessener Tiefenrecherche aufzubereiten.

So hat der Deutschlandfunk vor dem Hintergrund der Corona-Krise seine Informationsstrecken erweitert und bietet seinen Hörerinnen und Hörern eine solide Grundlage, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Hier zeigt sich, was der Informations- und Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wert ist.

Die hohe Wertschätzung, die der Qualitätsjournalismus derzeit erfährt, kann zugleich Chance und Ansporn sein, mit neuem Mut an Zukunftskonzepten und digitalen Möglichkeiten zu arbeiten. So kann auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk langfristig neu gewonnene Hörerinnen und Hörer binden, Akzeptanz und Vertrauen stärken. Denn schließlich sind die Qualitätsmedien auch in normalen Zeiten im besten Sinne systemrelevant.


Aus dem Programmheft, Ausgabe Juni 2020