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Gastbeitrag Die Exzellenz des Scheiterns

Von Wolfram Eilenberger

Philosoph und Schriftsteller, Dr. Wolfram Eilenberger (© Annette Hauschild)
Wolfram Eilenberger (© Annette Hauschild)

Dr. Wolfram Eilenberger ist Philosoph und Schriftsteller. Seine Leidenschaft ist die Anwendung philosophischer Gedanken auf die heutige Lebenswelt, sei es in Fragen der Politik, der Kultur oder des Sports. Er ist Gründungschefredakteur des Philosophie Magazins und Moderator der ‚Sternstunde Philosophie‘ im Schweizer Fernsehen. Sein jüngstes Buch ‚Zeit der Zauberer – Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929’ erschien im März 2018 bei Klett-Cotta und wird derzeit in 20 Sprachen übersetzt.

Sätze, die mit "Die Medien" beginnen, nehmen selten ein sinnvolles Ende. Gleiches ließe sich von Äußerungen sagen, die mit "Der Sport" ansetzen. Notwendig zu breit der Anspruch, zu unscharf damit ihr Inhalt. Andererseits: Wer wollte ernsthaft bezweifeln, dass beide Begriffe heute Fundamente unserer Lebenswelt bedeuten? Und ihr Aufstieg zu Leitkategorien der modernen Gesellschaft dabei eng miteinander verbunden war und ist?

Die Relevanzexplosion, die all das, was wir ‚Sport‘ nennen, in den letzten knapp 100 Jahren erfahren hat, ist von den medialen Innovationen desselben Zeitraums (Print, Radio, Fernsehen, Internet) jedenfalls nicht zu trennen. Als massenhaft konsumierter ist Sport notwendig Mediensport und damit ein auf vielfache Weise vermitteltes, inszeniertes und auch verzerrtes Erfahrungsereignis. Eine Feststellung, an die sich gerade im öffentlich-rechtlichen Bereich, wie etwa zur Fußballweltmeisterschaft in Russland, gern ein Diskurs moralinen Mahnens anschließt, dessen Fluchtpunkt stets in der besonderen Verantwortung "der Medien" für die Reinheit und die edukativen Werte "des Sports" liegt: von Kommerzkritik bis Doping, von Menschenrechten bis Inklusion und Demokratietheorie. An sich gut so.

Leib und Botschaft

Allerdings mag man fragen, ob damit die zentralen Werte, die sportliche Erfahrungen verkörpern und vermitteln, wirklich ihrem Wesen nach getroffen sind. Und diese Frage wird umso drängender, wenn man sich das Medium vergegenwärtigt, das im eigentlichen Zentrum all dessen steht, was wir Sport nennen. Dieses Medium ist der menschliche Leib. In allem, was Wettkampfsport ist, wird dieser Leib als ein übender, spielender und vor allem exzellent Scheiternder sichtbar. Was den wahren Sportler und die wahre Sportlerin auszeichnet, ist mit anderen Worten die beharrliche, auf kontinuierliche Selbstübersteigerung abzielende Bereitschaft, sich im freien und damit offenen Spiel mit anderen von den eigenen Ansprüchen frustrieren zu lassen. Natürlich gibt es auch Momente großen Gelingens und eigentlichen Glückens. Es liegt aber im Wesen des Sports, dass sie selten und unwahrscheinlich sind. Als Regel bleibt die produktive Erfahrung der Frustration, des Unvermögens, des Noch-nicht-Könnens, des absurden und durchaus auch ungerechten Scheiterns.

Ein anderes Ethos?

Im Sport wird der Mensch also als ein Geworfener sichtbar, der, mit einem Ethos des ewigen ‚Trotzdem‘ – für alle sichtbar: schwitzend, stöhnend, kämpfend –, die offenen Grenzen des eigenen Unvermögens erkundet. Darin liegt, als Gedanke, sein beispielhafter Wert für unsere Kultur und unser Dasein. Wäre dem aber so, worin läge dann, als Gedankenimpuls, die besondere Verantwortung derer, die den Sport medial inszenieren, kommentieren und bewerten? Wie sähe eine kritische, faire und auch feiernde Sportberichterstattung aus, die diese Werte und dieses Ethos ins Zentrum ihres Vermittlungsinteresses stellte? Welche Helden und Ergebnisse stünden bei ihr im Vordergrund? Welche Bilder erhöbe sie zu Ikonen? Welche Mahnungen und politischen Impulse wären ihr dauerhaft wichtig? Journalistische Leitfragen, die, wie alles, was der sportlichen Erfahrung gerecht werden will, besser situativ als abstrakt zu beantworten sind und doch eine mögliche Richtung vorgeben mögen: weg von der sonntäglichen Illusion des Sports als eines Allheilmediums für eine gerechtere, fairere, gesündere Gesellschaft. Hin zur herben und alltäglich zu gewinnenden Freiheit all derer, die sich mit Haut und Haaren auf das Abenteuer einlassen, immer wieder ihr Bestes zu geben – um doch nur allzu selten das zu bekommen, was sie eigentlich ersehnen oder auch nur verdienen.


Aus dem Programmheft, Ausgabe August 2018

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