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Gastbeitrag „Die Lüge ist Alltag geworden“

Von Mathias Döpfner

BDZV-Präsident Mathias Döpfner (© Axel Springer SE)
Mathias Döpfner (© Axel Springer SE)

Dr. Mathias Döpfner begann 1982 seine Laufbahn als Journalist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er arbeitete im Stab des Vorstands International des Gruner+Jahr-Verlages in Paris, später wurde er Assistent des Gruner+Jahr-Vorstandsvorsitzenden in Hamburg. Döpfner war Chefredakteur der Wochenpost, Berlin, und Chefredakteur der Hamburger Morgenpost. Seit 1998 ist er für das Unternehmen Axel Springer tätig, zunächst als Chefredakteur für DIE WELT. Seit Juli 2000 ist Dr. Mathias Döpfner Mitglied des Vorstands und seit Januar 2002 Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE.

Vor ein paar Monaten noch hätte ein Text zur Zukunft der Medien vor allem von digitalen Brillen erzählt, von Handys, Tablets, Head-up-Displays in Autos und Helmen, von virtuellen Realitäten und von digitalen Kontaktlinsen, die Neuigkeiten direkt vors Auge der Nutzer projizieren können. Die Zukunft der Medien war eine Herausforderung für Verleger, Strategen, für Chefredakteure und Reporter. Daran hat sich nichts geändert. Trotzdem erscheint die Frage, welcher Kanal sich für die nächsten zehn Jahre durchsetzt, welches Endgerät die Leser und Nutzer am meisten begeistern wird, in diesen Wochen wie ein Nebenaspekt.

Denn jetzt geht es um die Demokratie. Sie ist bedroht. Und die Gefahr kommt subtiler daher, als es die Geschichte lehrt. Weder sind Revolutionäre auf der Straße noch plant die Bundeswehr einen Putsch. Stattdessen legt sich eine Art digitaler Mehltau über das Ökosystem, in dem Politik, Medien und Bürger in symbiotischer Wechselwirkung die Demokratie des Landes schätzen, nutzen, leben.

Ein Beispiel: Vor knapp einem Jahr tauchte im Netz ein vermeintliches Schreiben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums auf, gerichtet an den "Polizeipräsidenten für Köln und Leverkusen". Der Text ordnete an, Straftaten von "Flüchtlingen, Asylbewerbern und Personen mit Migrationshintergrund" zu verschleiern. Das Dokument wurde selbst von Bundestagsabgeordneten auf Twitter verbreitet. Die Empörung war groß. Es war allerdings eine Fälschung. Nachdem das Innenministerium dies klarstellte, reagierten viele Nutzer allerdings, indem sie die Klarstellung als Fälschung bezeichneten.

Es ist einer von Tausenden Fällen aus den letzten Monaten, in denen mit Fake News Stimmung gemacht wurde. Oft weiß niemand, wer dahintersteckt. Es gibt Fälle, die rechten Populisten in die Karten spielen (wie dieser), und es gibt Fälle, die radikalen Linken helfen. Die Lüge ist Alltag geworden. Und sie ist längst ein Mittel digitaler Kriegsführung. Der russische Staat wird regelmäßig als Urheber einiger der größten Lügen enttarnt. Radikale Palästinenser beschmieren derweil ihre Kinder mit roter Farbe, um sie als Opfer der israelischen Armee zu fotografieren.

Zwischen dem schlimmsten Fall der staatlich beauftragten Lüge und dem Ideal von seriösem Journalismus gibt es eine Bandbreite an jüngeren Phänomenen. Da sind die Firmen, die Werbung in eigener Sache wie unabhängigen Journalismus erscheinen lassen. Da sind die Instagram-Models, die für ein paar Hundert oder Tausend Euro illegale Schleichwerbung zum Geschäftsmodell erheben. Und natürlich sind da auch die Transporteure dieses Mehltaus, die kalifornischen Plattformen. Ihr Umgang mit aufrechtem Journalismus und Fake News  ist vom Glauben gekennzeichnet, das komplexe, gesellschaftliche Problem lösen zu können wie die steigende Nachfrage vieler Menschen nach einer neuen App: Ein paar Programmierer werden es schon beheben können. Das klappt natürlich nicht, im Gegenteil, wenn Facebook anfängt, nicht justiziable Inhalte zu löschen und so die freie Meinungsäußerung infrage zu stellen, wird alles nur noch schlimmer. Auch deshalb wird Mark Zuckerberg jetzt von Behörden und Senatoren zum eigenen Geschäftsgebaren befragt.

Gefragt sind stattdessen Journalisten – wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Es ist an ihnen, die Gesellschaft vom Mehltau zu befreien. Besinnung auf ihr Handwerk: saubere, harte Recherche. Mut zur Wahrheit. Egal, welcher Politiker pikiert reagiert, ob die Nennung der Nationalität eines überführten Straftäters manche Nutzer verschreckt, ganz gleich, welche Konsequenzen eine Enthüllung zeitigt. Sich nicht über die eigene Aufgabe zu erheben – auch das gehört für Journalisten dazu. Manche haben diese Regel vergessen, sehen sich mehr als Erzieher der Leser, denn als Berichterstatter, die zur Meinungsbildung beitragen, sie aber nicht zu übernehmen haben.

Diese große, für die Demokratie lebenswichtige Arbeit können private und öffentlich-rechtliche Anbieter gemeinsam schaffen. Die Gemeinsamkeit beinhaltet Wettbewerb und Reibung mit- und aneinander, inhaltlich, wie es sich für eine pluralistische Gesellschaft gehört, aber auch wirtschaftlich. Denn nur aus Wettbewerb entsteht Innovation. Für die Öffentlich-Rechtlichen, die, weil sie öffentlich finanziert sind, mit Recht strenger Regulierung unterliegen, steckt auch eine strategische Überlegung dahinter. Ihnen droht weit mehr Konkurrenz durch Netflix und YouTube als durch die FAZ, die Süddeutsche oder Axel Springer. Und ob Netflix dabei helfen wird, die Demokratie in Europa und Deutschland zu schützen, ist fraglich.


Aus dem Programmheft, Ausgabe Juni 2018

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