Gastbeitrag Die Sprache der Nachrichten im Wandel

Von Jürgen Kaube

Portrait von Jürgen Kaube, neuer Feuilleton-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, aufgenommen am 16.12.2014 im F.A.Z.-Studio in Frankfurt. (F.A.Z.)
Jürgen Kaube (F.A.Z.)

Nachrichten sind stark verknappte Mitteilungen. Ihr Publikum hat wenig Zeit und verlangt nach einem raschen Überblick über das Wesentliche.


Jürgen Kaube 1999 Eintritt in die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zuständig für Wissenschafts- und Bildungspolitik wurde er 2008 Ressortleiter für die "Geisteswissenschaften" und 2012 für "Neue Sachbücher" sowie stellvertretender Leiter des Feuilletons.
Seit dem 1. Januar 2015 einer der Herausgeber der F.A.Z.


Was ist wesentlich und gehört in die Nachrichten? Gehört etwa dazu, Olaf Scholz sei zum Kanzlerkandidaten der SPD erklärt worden und dass die Partei in den Umfragen bei etwa fünfzehn Prozent steht? Man mag das schon für einen Kommentar halten. Aber was wäre mit der Ergänzung, Scholz sei kürzlich erst bei der Wahl zum Parteivorsitzenden gescheitert? Ist es wesentlich, bei einem Autounfall die beteiligten Marken zu erwähnen, das Geschlecht der Fahrer, ihr Alter? Oder nehmen wir die Frage nach den Vornamen der Personen, die kürzlich einen Busfahrer in Bayonne zu Tode geprügelt haben. Gehören sie in die Nachricht über die Tat?

Zu welchen Antworten man hier immer gelangt, fest steht, dass in Nachrichten nicht sehr viel Komplexität untergebracht werden kann. Das war schon
vor mehr als 200 Jahren so, als die gedruckten Nachrichten aufkamen. In jüngster Zeit sind jedoch die Erwartungen an sie gestiegen.

So wurde neulich über ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs berichtet. Es verpflichtete Unternehmen, die sozialversicherungsrechtlichen Normen
ihres Standorts auch auf Arbeitnehmer anzuwenden, die sie über Firmen aus anderen Ländern beschäftigen. Sprachlich fiel auf, dass die Beschäftigten dabei in der Radionachricht ganz betont als ‚Mitarbeitende‘ bezeichnet wurden. Zu ‚Arbeitnehmende‘ hatte man sich noch nicht durchgerungen, um zu verdeutlichen, dass Mitarbeiter mehrerlei Geschlechts sein können. Als es konkret wurde, schwenkte die Nachricht allerdings sofort auf die ‚LKW-Fahrer‘ ein, um die es ging. Nicht auf ‚LKW-Fahrende‘ oder gar ‚Fahrer:innen‘.

Das ist nicht wegen der Diskussion über eine Geschlechtergerechtigkeit interessant, die angeblich durch solche sprachlichen Konstruktionen erlangt werden kann. Wer insistiert, es müsse von Wählenden statt von Wählern gesprochen werden, bleibt hinter einer Wirklichkeit zurück, in der niemand begründet vermuten kann, Frauen seien keine Wähler, Ärzte, Antisemiten, Arbeitnehmer und so weiter. Interessant ist die Sprachpflege vielmehr, weil sie das Bestreben nach einwandfreier Kommunikation dokumentiert. Einwandfrei heißt hier: Niemand soll sich beschweren können. Das ist ein anspruchsvolles Programm. Denn zur modernen Gesellschaft gehört es, dass sich immer jemand zurückgesetzt fühlt und dafür ‚Werte‘ mobilisieren kann. Je knapper die Mitteilung, desto schwieriger wird es, solchen Erwartungen Rechnung zu tragen. Darum kommt es inzwischen zu einem Kampf um einzelne Ausdrücke, beispielsweise Hauptworte, Namen, Personalpronomen und Adjektive.

Das Beispiel mit den LKW-Fahrenden lehrt dabei: Nachrichten haben es unter dem Erwartungsdruck, einwandfrei zu sein, schwer, sprachlich konsistent
und zugleich knapp zu bleiben. Der Vorschlag, sich anstatt auf die Ausdrücke auf die Argumente der nachfolgenden Sendungen zu konzentrieren, liegt nahe. Wer demgegenüber darauf besteht, sie müssten den Sprachgebrauch ausdrücklich verändern, weist ihnen Erziehungsaufgaben zu.


Aus dem Programmheft, Ausgabe September 2020