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Gastbeitrag Digitale Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten

Von Thomas Bellut

Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF (©ZDF/Markus Hintzen)
Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF (©ZDF/Markus Hintzen)

Dr. Thomas Bellut, 1955 in Osnabrück geboren, studierte Politikwissenschaften, Geschichte und Publizistik in Münster. Er begann seine journalistische Laufbahn 1983 als Redakteur bei den Westfälischen Nachrichten in Münster, bevor er 1984 zum ZDF kam. Nach verschiedenen Positionen wirkte er dort von 2002 bis 2012 als Programmdirektor. Seit März 2012 ist er Intendant des ZDF. Thomas Bellut ist Vorsitzender des Deutschlandradio-Verwaltungsrats.

Unversöhnlichkeit aus Prinzip, Unversöhnlichkeit innerhalb nationaler Gesellschaften und zwischen Nationen, beflügelt von Nationalismus und Chauvinismus, das ist ein prägendes politisches Kennzeichen dieses Jahrzehnts. Und die Medien sind aktiver Teil der Aufregungsmaschine. Der Bedarf nach Orientierung in der Flut von Informationen steigt. Zuhörer, Zuschauer und Leser spüren sehr wohl, dass sie beeinflusst und manipuliert werden sollen. Fake-News und die Filterblasen im Netz sind selbsterklärende Begriffe geworden. Diese Situation ist eine Herausforderung für öffentlich-rechtliche Sender. Sie haben den klaren Auftrag, mit solider und unvoreingenommener Information gegenzuhalten. Dieses Angebot wird wahrgenommen. Die Nutzerzahlen der öffentlich-rechtlichen Angebote steigen, gerade auch bei den Nachrichten, im Deutschlandfunk und auch bei ZDF und ARD. Ein Ergebnis, das zu den hohen Vertrauenswerten passt, die die öffentlich-rechtlichen Sender erreichen.

Bei allen Erfolgen im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen – die veränderte Mediennutzung der unter 30-Jährigen ist unübersehbar. Lineare Medien spielen dort nur noch eine untergeordnete Rolle. Auch wenn die Verluste durch steigende Werte bei den Älteren ausgeglichen werden, müssen die Sender das ernst nehmen und mit Reformen und neuen Angebotsformen reagieren. Nur wer im Netz zeitunabhängig gefunden wird, wer den Wunsch des Publikums nach Qualität zu jeder Zeit und an jedem Ort befriedigen kann, wird den Übergang in die neue Zeit bewältigen.

Auch für das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen gilt: Vor allem anerkannte, klar erkennbare Erfolgs- und Qualitätsmarken finden in der Kombination von klassischer Verbreitung und zeitversetzter Nutzung Anklang beim Publikum. Erfolg ist dabei auch für Qualität eine wichtige Voraussetzung. Denn wer nicht gehört wird, kann auch mit tiefschürfendster Information keine Wirkung entfalten.

Ein Beispiel aus der ZDF-Welt: Die ‚heuteshow‘ erreicht mit der klassischen TV-Ausstrahlung inklusive Wiederholungen etwa fünf Millionen Zuschauer. Die Zugriffszahlen im Netz liegen allein in der Mediathek bei mehr als 500.000. Die Sendung wird im Netz gesucht, weil sie sich linear als Marke durchgesetzt hat, und das Publikum dort ist deutlich jünger.

Für die Verbreitung und den Kontakt mit jungen Menschen reicht die eigene Plattform aber nicht aus. Zurzeit kommt auch ein öffentlich-rechtlicher Sender an den reichweitenstarken Plattformen wie Facebook oder YouTube nicht vorbei, trotz einiger massiver Probleme, die diese kommerziellen Netzwerke für sich und andere aufwerfen. Es gibt aber auch da die Chance für Qualität zwischen Katzenvideos und der neuesten Kollektion von Rihanna. Auf der YouTube-Hitliste im März fand sich auch ein Nachruf von Prof. Harald Lesch auf den Physiker Stephen Hawking. Mehr als 650.000 Aufrufe für den Beitrag des ZDF-Experten, ein gutes Signal für die Wissenschaftsjournalisten. Schließlich ist auch die Vernetzung mit verwandten Angeboten, etwa Museen, Theater, Universitäten, eine spannende mittelfristige Option, eine breite Allianz der Qualität, für die das ZDF bereits eine Kulturplattform entwickelt.

Für Erfolg in der digitalen Welt gibt es keine Generalformel. Jede Zielgruppe muss besonders angesprochen werden. Das ist eine Herausforderung für alle Medien, Personalisierung und Empfehlungen sind wichtig. Dafür müssen auch wir Daten erheben. Aber wir machen das so, dass die Daten unserer Nutzer sicher sind, transparent und jederzeit löschbar. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind dies tiefgreifende Neuerungen. Veränderungen bedeuten Aufwand und in Zeiten, in denen uns die Politik zum Sparen auffordert, bedeutet dies, dass wir umdenken und intern umschichten müssen. Dieser Umbau ist eine große Chance für die Öffentlich-Rechtlichen. Seit vielen Jahren verbessern wir die ZDF-Mediathek ständig. Über die Zeit haben wir die Standards nonlinearer Videoplattformen entscheidend mitgeprägt. Auch das Beispiel ‚heute‘-Nachrichten zeigt: Über die neuen Ausspielwege erreichen wir mit hochwertigen aktuellen Informationen wieder vermehrt jüngere Nutzer im Netz, der Bedarf nach Orientierung ist groß. Die Öffentlich-Rechtlichen, in besonderer Weise auch die Informationssendungen des Deutschlandfunk, werden ihren Teil dazu beitragen, dass er gedeckt wird.


Aus dem Programmheft, Ausgabe Juli 2018

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