Gastbeitrag Ein auditiver Begegnungsort

Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger

Eine Frau mittleren Alters mit brünettem Haar im blauen Blazer vor unscharfem Hintergrund. Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger. (WZB/David Ausserhofer)
Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger (WZB/David Ausserhofer)

Ein auditiver Begegnungsort – das ist meine Vision für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Damit er diese integrative Bühne für die Menschen wirklich sein kann, braucht es mehr partizipative Formate und mehr Mut zum Experiment. Warum nicht auch mal die Hörerinnen und Hörer moderieren lassen?


Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, geboren 1956 in Mannheim, ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2021 erschien ihr Buch "Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen".


Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist mir eine Selbstverständlichkeit. Ich bin mit ihm groß geworden. Zu Hause gab es feste Radio-Zeiten: Nachrichten, Lesungen, Konzerte am Abend. Ich selbst bin heute wohl eine klassische Konsumentin: Deutschlandfunk am Morgen vom Radiowecker. Tagesthemen täglich, meist etwas zeitversetzt aus der Mediathek. Politische Talkshows sind ebenfalls wichtig für mich, später am Abend dann oft klassische Musik. Aus diesem sehr persönlichen Zugang kann ich auch meine Erwartungen an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ableiten. Er soll ein umfassendes Bild der gesellschaftlichen Situation in Deutschland bereitstellen: Politik, Kultur, Bildung, aber auch Unterhaltung. Die Kuratierung des Programms sollte möglichst unabhängig von Einschaltquoten erfolgen, damit auch vermeintliche Randthemen eine Chance haben. Für mich sind dabei essenziell: aktuelle Informationen von hoher Recherchequalität und eine umfassende Einordnung großer gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Themen. Dabei braucht es eine Offenheit für den Diskurs und eine diverse Berichterstattung, um die Vielfalt in der Gesellschaft widerzuspiegeln. Dies alles ist nötig für eine freie, individuelle und gesamtgesellschaftliche Meinungsbildung.

Diese Erwartungshaltung ist nicht nur eine persönliche. Sie ist auch geprägt von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Vor einigen Jahren veröffentlichte Maja Adena, Verhaltensökonomin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), ein Papier, in dem sie zeigt, welchen wichtigen Einfluss das öffentlich-rechtliche Programm der BBC Mitte des vergangenen Jahrhunderts hatte, wenn es in deutschen Regionen empfangen werden konnte. In diesen Regionen war nämlich die Unterstützung für die NSDAP deutlich niedriger als in Teilen Deutschlands ohne entsprechenden Empfang. Und wenn wir den Blick ein wenig weiten und uns die Medienlandschaft insgesamt ansehen, dann zeigt eine jüngst erschienene Studie des WZB, wie wichtig Lokaljournalismus ist. In Regionen, in denen Lokalzeitungen eingehen, nehmen extreme Einstellungen der Menschen zu, verschärft sich also die Polarisierung der Wählerschaft. Daher sehe ich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch als auditiven Begegnungsort, der absolut wichtig ist für unsere Gesellschaft. Und es könnte mehr gemacht werden, damit er diese integrative Bühne für die Menschen sein kann. Momentan, so mein Eindruck, bleiben wir noch zu sehr unter uns – ja, durchaus elitär. Elitär bedeutet immer auch eine gewisse Normierung. Warum hören wir nicht mehr regionale Dialekte im Programm?

Im Land wird ganz unterschiedlich gesprochen. Ich denke auch, dass Themen oft sehr voraussetzungsvoll behandelt werden. Wir müssten mehr erklären. Ein Beispiel zum Krieg in der Ukraine: Wissen wir, was eine Panzerhaubitze ist, über welche Waffen wir eigentlich genau sprechen, wenn es um die Lieferungen ins Kriegsgebiet geht? Ich möchte zweierlei anregen:

Die Redakteurinnen und Redakteure der Rundfunkanstalten sollten regelmäßig nach draußen gehen und sich mit den Menschen vor Ort unterhalten, vor allem aber zuhören. Zwei Stunden "Begegnungs-Sabbatical" pro Woche. Das wäre extrem gut investierte Zeit.

Und: Die Sender sollten die Menschen ins Studio holen. Das passiert schon durch die Formate, bei denen Hörerinnen und Hörer anrufen können. Aber oft ist das nur eine Frage-Antwort-Abfolge, ohne richtigen Dialog. Wie wäre es, wenn Hörerinnen und Hörer mit im Studio säßen, vielleicht sogar moderierten? Das wäre ein tolles Experiment, vor dem wir uns nicht zu fürchten brauchten.


Aus dem Magazin, Ausgabe Juli 2022