Gastbeitrag Eine vielfältige Gesellschaft ist keine Idylle

Von Wolfgang Thierse

Wolfgang Thierse  (© Deutscher Bundestag)
Wolfgang Thierse (© Deutscher Bundestag)

Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles. Er muss eingebettet sein in die Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeiten, auch von Mehrheitsentscheidungen.


Wolfgang Thierse, geboren 1943 in Breslau, von Beruf Kulturwissenschaftler und Germanist. Er war Mitglied der frei gewählten Volkskammer und Vorsitzender der SPD in der DDR. Von 1990-2013 war er Bundestagsabgeordneter und viele Jahre Bundestagspräsident und -vizepräsident, stellv. Parteivorsitzender der SPD, Vorsitzender der Grundwertekommission und des Kulturforums der Sozialdemokratie.


Ein Essay zur Deutschlandradio Denkfabrik: Auf der Suche nach dem "Wir"

Deutschland ist – unübersehbar und unumkehrbar – ein pluralistisches Land geworden, ein offenes Land in einer zumal seit 1989/90 weit geöffneten Welt. Eine pluralistische Gesellschaft aber, also eine sozial, ethnisch, kulturell, religiös-weltanschaulich vielfältige Gesellschaft ist keine Idylle, sondern voller Widersprüche und Konfliktpotenzial. Wenn wir zu solcher Pluralität Ja sagen, weil sie Ausdruck von individueller Freiheit ist, schließt dies das Ja zu Streit ein. Und Streit eben ist zugleich Strukturelement von Demokratie – nach Regeln der Fairness und der Friedfertigkeit.

Allerdings haben viele Menschen den Eindruck, dass der Streit heftiger und die Atmosphäre giftiger geworden sind, wie gerade die Pandemiekrise zeigt. Die – vertrauten, "traditionellen" – verteilungspolitischen Gerechtigkeitsthemen werden dabei überlagert von Themen kultureller Zugehörigkeit. Fragen ethnischer, geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung werden wichtiger, Debatten über Gender, Rassismus und Postkolonialismus heftiger und aggressiver. Das sind wohl unausweichliche Auseinandersetzungen, insofern es in ihnen um Anerkennung und um gleiche Rechte für (bisher benachteiligte, ja diskriminierte) Minderheiten geht. Es sind Verteilungskonflikte um soziale und kulturelle Sichtbarkeit und um Einfluss. So unvermeidlich diese Konflikte sein mögen, so verwirrend, unübersichtlich und ambivalent erscheinen sie vielen Beobachtern. Die Heftigkeit mancher Attacken aufs Hergebrachte, ebenso wie die Heftigkeit der Verteidigung des Hergebrachten, die Radikalität identitärer Forderungen drängen zu der Frage: Wie viel Identitätspolitik stärkt die Pluralität einer Gesellschaft, ab wann schlägt sie in Spaltung um? Was ist das Gemeinsame, das "Wir"?

Wenn Vielfalt, Diversität, Pluralität friedlich und produktiv gelebt werden sollen, dann müssen sie mehr sein als das bloße Nebeneinander sich voneinander nicht nur unterscheidender, sondern auch abgrenzender Identitäten und Minderheiten. Vielfalt erzeugt eben nicht von selbst Gemeinschaftlichkeit. Es bedarf vielmehr grundlegender Gemeinsamkeiten, zu denen zuerst und selbstverständlich die gemeinsame Sprache gehört, sodann natürlich auch die Anerkennung von Recht und Gesetz. Darüber hinaus aber muss es die immer neue Verständigung darüber geben, was uns als Verschiedene miteinander verbindet und verbindlich ist in den Vorstellungen von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Menschenwürde, Toleranz, also in den unsere liberale, offene Gesellschaft tragenden Werten und ebenso auch in den geschichtlich geprägten kulturellen Normen, Erinnerungen, Traditionen. Solcherart definierte kulturelle Identität ist das Gegenteil von dem, worauf Identitätspolitik von rechts oder gelegentlich auch von links zielt.

Die Unterscheidung ist wichtig: "Rechte" Identitätspolitik ist illusionär und gefährlich, weil sie kulturelle Identität als ethnische, völkische Homogenität missversteht und als solche durchsetzen will, deshalb Abgrenzung und Ausgrenzung betreibt bis zu Intoleranz, Hass und Gewalt gegenüber den "Anderen", dem "Fremden". Genau deshalb ist sie entschieden abzulehnen und zu bekämpfen. "Linke" Identitätspolitik dagegen will – als Reaktion auf erfahrene Diskriminierung – Anerkennung und Gleichberechtigung erreichen, verfolgt also ein zutiefst demokratisches Gleichheitsanliegen.

Allerdings beunruhigen mich die Schärfen und Ideologisierungen in den identitätspolitischen Auseinandersetzungen, die zu falschen Frontstellungen führen, zu einem "Kulturkampf"-Klima. So lese ich: "Weißsein ist der Kern von Rassismus." "Rassismus gehört zur DNA unserer Gesellschaft." "Normalität ist die Cancel Culture des alten weißen Mannes." Solcherart immer heftiger vorgetragene Thesen charakterisieren ein Klima, in dem Herkunft, Hautfarbe, Alter und Geschlecht Schuldvermutungen begründen können; indem wer etwas und aus welcher Betroffenheit sagt entscheidend wird und weniger das, was jemand sagt und worauf man sich vernünftig verständigen kann; indem eine sprachliche Spaltung zunimmt zwischen der Sprache des "gewöhnlichen" Volkes einerseits und andererseits der an Universitäten und in Redaktionen gepflegten bzw. durchgesetzten gender- und rassismussensiblen Sprache, die von "oben" verordnet erscheint und aufs "dumme Volk" herniedergeht.

Dabei besagt doch die schlichte Lebenserfahrung: Je frontaler der Angriff auf die Person, je aggressiver und totaler die Kritik, umso stärker die Abwehr, umso geringer die Chance und Bereitschaft zu selbstkritischer Reflexion und Korrektur! Und dabei besagt doch die einfache politische Erfahrung: Wer in einer Demokratie etwas für Minderheiten erreichen will, wer etwas verändern will, der muss dafür Mehrheiten gewinnen! Die Mühsal von Verständigungs- und Veränderungsprozessen abkürzen zu wollen, dieser Wunsch ist sehr verständlich, aber er muss nicht zum Erfolg führen. Es gilt immer neu die Balance zu finden, weil beides notwendig ist: Der energische Einsatz für die Anerkennung und Verwirklichung der jeweils eigenen Identität, der individuellen und Gruppen-Interessen – und ebenso die Bereitschaft und Fähigkeit, das Eigene in Bezug auf das Gemeinsame, auf das Gemeinwohl zu denken und zu praktizieren, also auch das Eigene zu relativieren.

Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles. Er muss eingebettet sein in die Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeiten, auch von Mehrheitsentscheidungen. Sonst ist der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet oder wird gar zerstört durch radikale Meinungsbiotope, tiefe Wahrnehmungsspaltungen und eben auch konkurrierende Identitätsgruppenansprüche, erst recht in der digitalen Öffentlichkeit. Weil der gesellschaftliche Zusammenhalt in einer diversen, sozial und kulturell fragmentierten "Gesellschaft der Singularitäten" (Andreas Reckwitz) nicht mehr selbstverständlich ist, muss dieser Zusammenhalt ausdrücklich das Ziel von demokratischer Politik und auch und gerade von kulturellen und kommunikativen Anstrengungen sein. Wir haben nur diese eine Gesellschaft. Und das "Wir" verlangt wechselseitige geduldige und aufmerksame Zuhör- und Erklär- und Lernbereitschaft! Dies zu vermitteln, das genau sollte die Aufgabe besonders auch von Deutschlandradio sein (und weniger sprachliche Besserwisserei).


Aus dem Magazin, Ausgabe Juni 2021