Gastbeitrag Es war nie weg und erlebt aktuell eine regelrechte Renaissance: das Radio.

Von Anja Schaluschke

Anja Schaluschke, Direktorin des Museums für Kommunikation Berlinund stellvertretende Kuratorin der Museumsstiftung Post und Telekommunikation  (Lotte Ostermann)
Anja Schaluschke (Lotte Ostermann)

Verlässlicher Informationslieferant, Begleiter, Strukturgeber und seit 100 Jahren relevant. Heute belebt die Digitalisierung die Diskussion um die Brecht’sche Forderung nach dem Radio als Kommunikationsapparat erneut.


Anja Schaluschke ist seit 2017 Direktorin des Museums für Kommunikation Berlin und stellvertretende Kuratorin der Museumsstiftung Post und Telekommunikation. Zuvor war sie  Geschäftsführerin des Deutschen Museumsbundes sowie Vorstandsmitglied des Netzwerks Europäischer Museumsorganisationen (NEMO).


Am 22. Dezember 1920 geben Reichspostmitarbeitende der Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen bei Berlin ein Weihnachtskonzert im Radio: das erste öffentliche Radioprogramm – also Sprache, Moderation, Musik – Deutschlands. Damals eine Sensation, heute der Anlass, im Museum für Kommunikation Berlin die Ausstellung "ON AIR. 100 Jahre Radio" zu zeigen. Die Sendung von 1920 ist allerdings kein offizieller und von allen empfangbarer Rundfunk. Dieser beginnt drei Jahre später mit der "Funk-Stunde Berlin". Der deutsche Rundfunk organisiert sich vor allem durch staatliche Organe, die ungewollte politische Instrumentalisierung verhindern möchten. Über das Programm wachen die privaten Rundfunkgesellschaften, die zu 51 Prozent der Reichspost gehören und in deren Aufsichtsräten Post und Innenministerium vertreten sind. Das Senden und Empfangen ist zwar genehmigungs- und gebührenpflichtig, doch mit dem Sendernetz wachsen auch die Zahlen der Hörerinnen und Hörer: 1932 sind es bereits vier Millionen Menschen. Darauf baut ab 1933 die Propagandamaschinerie der nationalsozialistischen Diktatur auf. Jegliche demokratische Züge des Rundfunks gehen durch Gleichschaltung verloren, das Radio wird zum wichtigsten Kanal für die Verbreitung der NSDAP-Ideologie. Das Hören der "Feindsender" aus dem Ausland wird hart, ab 1939 gar mit dem Tode für die sogenannten "Rundfunkverbrecher" bestraft. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollen die Alliierten einen zentralistischen Rundfunk wie den der Nationalsozialisten nie wieder möglich werden lassen. In allen westlichen Besatzungszonen wird schnell mit dem Aufbau föderal organisierter Strukturen begonnen, Grundsteine für das öffentlich-rechtliche System. In der DDR ist das Staatliche Komitee für Rundfunk ab 1952 das zuständige Verwaltungs- und Kontrollorgan. Ab Mitte der 1980erJahre etabliert sich neben dem öffentlich-rechtlichen der privatrechtliche Rundfunk. Darüber hinaus gründen sich freie Radios, die nicht kommerziell tätig sind und eine größtmögliche Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger anstreben. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk zählt aufgrund des "Staatsvertrags über den Rundfunk im vereinten Deutschland" von 1992 zur Grundversorgung der Bundesbürger: Er soll staatsfern, divers und unabhängig informieren, Bildung, Beratung, Unterhaltung und Kultur anbieten und so unter anderem den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Die Digitalisierung stellt "Radio" die Frage, was es in Zukunft sein wird: mehr Audio, mehr Algorithmus, mehr Beteiligung? Noch nie war es einfacher, selbst zu produzieren und gehört zu werden. Möglicherweise war das auditive Medium noch nie so demokratisch wie derzeit und erfüllt somit Bertolt Brechts Forderung nach dem Rundfunk als "Kommunikationsapparat". Vielleicht ist das aber auch ein Trugschluss, wenn öffentlich-rechtliche Strukturen durch immer enger und selektiver werdende Filterblasen und die daraus reproduzierten Meinungen infrage gestellt werden. Resultieren daraus Grenzen, oder gar Chancen? Wenn ja, welchen Einfluss könnten diese jeweils auf den Rundfunk haben? "Radio" hat weiterhin Potenzial, das zeigt nicht nur die wachsende Zahl der Hörerschaft der vergangenen Monate und das damit einhergehende gesteigerte Vertrauen in das verlässliche und lebensbegleitende Medium. Technische Innovationen, kreative Transferleistungen oder einfach die Faszination am Auditiven – die Kontinuitäten der Radiogeschichte sind über 100 Jahre aktuell. Dies ist erlebbar in der Ausstellung und täglich hörbar im Radio.


Aus dem Programmheft, Ausgabe Dezember 2020