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Gastbeitrag Gender-Zirkus

Von Peter Zudeick

(picture alliance/Horst Galuschka/dpa)
Der Journalist Peter Zudeick (picture alliance/Horst Galuschka/dpa)

Wäre die Sprach-Genderei ein Geschäftsmodell, müsste man ihr nicht nur eine grandiose performance, sondern auch eine sensationelle coverage in den Medien bescheinigen. Zwei Voraussetzungen für außergewöhnlichen geschäftlichen Erfolg. Das Erregungspotenzial ist gewaltig, nicht nur im ohnehin krawalligen Internet, sondern auch in seriösen Medien. In großen überregionalen Zeitungen kämpfen bedeutende Linguisten in großen Abhandlungen unerbittlich gegeneinander, kaum einer kann sich den großen Fragen einer geschlechtergerechten Sprache entziehen: Ist es das große Binnen-I, das die Weiblichkeit angemessen repräsentiert, oder eher der Gender-Stern oder vielmehr der Unterstrich (gendergap), der mal statisch vor der Endung steht (Lehrer_in), mal dynamisch überall stehen kann (Leh_rerin)? Der Schrägstrich (Lehrer/in), so viel ist immerhin sicher, hat längst ausgedient.

Scherz oder Ernst?

Dass diese meist todernst und mit beachtlicher Verbissenheit geführte Debatte auch ein Quell luzider Heiterkeit sein kann, liegt auf der Hand. Für viele Zeitgenossen ist das alles sowieso Realsatire. Und manchmal weiß man es nicht so genau. "Arbeitsgeräte aus allen Arbeitsbereichen der Stadt Flensburg genderneutral" bezeichnen, so lautete eine Forderung der Fraktionsvorsitzenden der Linken in der Flensburger Ratsversammlung. Also sollte künftig "der/die ComputerIn, der/die StaubsaugerIn, der/die PapierkörbIn" und so fort geschrieben werden. CDU und Bild-Zeitung lieferten prompt die fällig Empörung, und auf der Webseite der Jungen Freiheit hieß es: "In die IrrenhäusIn mit den geisteskrankInnen GruenInnen und LinkInnen."

Der Antrag war natürlich ein Scherz. Natürlich? Dass Forscherinnen im Auftrag des NRW-Umweltministeriums eine Werbebroschüre des Nationalparks Eifel wegen stereotyper Geschlechterrollen kritisierten, war kein Scherz. Fotos mit Titeln wie "kapitaler Hirsch bei der Brunft" und "dicker Keiler im Unterholz", so hieß es, verstießen vehement gegen das "gender mainstreaming".

Und als im Programm des Evangelischen Kirchentags vor ein paar Jahren von "Saalmikrofoninnen und -mikrofonen" die Rede war, war das Publikum unsicher. Scherz oder Ernst? Der Kirchentagssprecher musste daran erinnern, dass man schon früher mal auf "Papphockerinnen und Papphocker" hingewiesen habe. Da hatte sich die Aufregung in Grenzen gehalten. Weil man alles für möglich hält?

Patentrezept gesucht

Ohnehin ist die Diskussion über Binnen-I, Genderstern und dergleichen so was von gestern. An der Leipziger Universität zum Beispiel heißen laut Satzung alle Professorinnen und Professoren ,Professorin‘. Basta. Allerdings verweist diese Lösung immer noch auf Zweigeschlechtlichkeit, die ganze LSBTTQIA-Vielfalt (lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, queer, intersexuell, asexuell) bleibt außen vor. Das Patentrezept dagegen ist das End-x, das die Einteilung in männlich und weiblich buchstäblich durchkreuzt. Also heißt es "Professorx" (gesprochen Professorix) oder Professx, Studierx, Lehrx und so weiter.

Lann Hornscheidt, Sprachgender-Aktivistx an vorderster Front, geht noch einen Schritt weiter. Er nimmt ecs statt x, denn "ecs steht für Exit Gender, das Verlassen von Zweigeschlechtlichkeit". Ecs kann Endung und Pronomen sein, und so kann Hornscheidt sprechen: "Lann liebt es, mit anderen zu diskutieren. Ecs lädt häufig dazu ein, einen Roman zu besprechen. Lann ist Lesecs von vielen Romanen."

Womit dann die Genderei zu einem glücklichen Ende gekommen wäre. Wenn es keine Geschlechter mehr gibt, gibt es auch keine Diskriminierung mehr. Ja, schön wär’s. Denn klassische Feministinnen haben gemerkt, dass mit der Auflösung des Geschlechts auch gleich der Feminismus abgeschafft werde. Er verliert sein Thema, wenn von Frauen nicht mehr geredet werden kann. Die Bühne wechselt, der Kampf geht weiter. Und wir Medienschaffende (gendergerecht!) werden am Ball bleiben. Versprochen.


Peter Zudeick, 1946 geboren, studierte Philosophie, Germanistik, Pädagogik und Theaterwissenschaft in Köln mit anschließender Promotion. Beim Kölner Stadt-Anzeiger arbeitete er nach seinem Volontariat weiter als politischer Redakteur. 1980 war er Redakteur, Moderator, Reporter beim SWF3, 1982 Bonner Korrespondent des SWF. Seit 1984 ist Zudeick freier politischer Korrespondent für verschiedene ARD-Anstalten und Autor politischer und philosophischer Bücher.


Aus dem Programmheft, Ausgabe April 2019