Gastbeitrag Kolonialismus ebnete den Weg für Rassismus

Von Veye Tatah

Veye Tata (© Privat)
Veye Tatah (© Privat)

Gegen Hass und Ausgrenzung müssen wir uns für eine gerechte und friedliche Gesellschaft engagieren. Wir müssen uns ernsthaft mit der Entkolonialisierung auseinandersetzen. Dann kann ein echter Perspektivwechsel bei Menschen und Medien gelingen.


Veye Tatah ist Informatikerin und Chefredakteurin des Magazins Africa Positive. Sie setzt sich für ein selbstbewusstes, eigenständiges Afrika ein. Für ihr Engagement erhielt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande.


Als Jugendliche träumte ich, Europa oder die USA zu bereisen, um die Paradiese der Reichen und Schönen aus dem TV zu erleben. Mit 19 Jahren wurde mein Traum wahr. Ich reiste zum Studium nach Deutschland. Deutschland war schön, sauber und überall ordentlich – bis ich merkte, dass es zwar ein Paradies war, aber nicht für Menschen mit Migrationshintergrund. Anstarren, manchmal Hass in den Augen, die tägliche Ablehnung lösten etwas in mir aus: Ich wollte wissen, warum manche Weiße Schwarze hassen und warum die Medien Afrika so negativ darstellen.

Dieses Bild Afrikas in Deutschland (Armut, Kriege, kurz Chaos pur) schockierte mich. Die meisten Berichte über Schwarze hatten etwas Abwertendes. Positive Berichte handelten von der Tierwelt oder von Landschaften. Das Bild des unterentwickelten Afrikas wurde von den Kolonialherren erschaffen und wird von den Medien und NGOs reproduziert. Schulbücher verfestigen es in Köpfen von Kindern.

Eurozentrismus setzt europäische Werte und Normen für alle Lebensbereiche voraus. Die einseitige Sicht verschweigt die brutale Unterdrückung und Ermordung der Einheimischen, die Ausbeutung der Ressourcen oder das Anzetteln von Stellvertreterkriegen. Eine Nachwirkung dieser Darstellung führte zur "Entmenschlichung" der Schwarzen. Die Angst vor dem Schwarzen Mann entstand. Jahrzehntelange Berichte durch Filmindustrie, Veröffentlichungen jeglicher Art, durch Gelehrte und Erzählungen haben erreicht: Minderwertigkeitskomplexe bei farbigen Menschen sowie Überlegenheitsdenken bei den Weißen. In Afrika wurde ein positives Bild vom weißen Europa vermittelt. Alles Schwarze wurde als primitiv und nicht schön tituliert. Das Christentum nutzte einen weißen Jesus und zementierte das Minderwertigkeitsgefühl der Schwarzen.

Um diese einseitige Darstellung Afrikas zu korrigieren, gründete ich 1998 das Magazin Africa Positive. Ich wollte zu einer differenzierten, kritischen und ausgewogenen Berichterstattung beitragen.
Trotz 60 Jahren "Unabhängigkeit" sind viele afrikanische Länder wirtschaftlich noch immer direkt vom Westen abhängig. Die Ressourcen Afrikas werden ausgebeutet und im Westen verarbeitet. Das verhindert die Industrialisierung Afrikas und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Die Realität ist: Jeder Staatschef in Afrika, der ernsthaft versuchte, diesen Zustand zu verändern, wurde gestürzt oder ermordet. Heute müssen die Ex-Kolonialmächte keinen Putsch inszenieren. Ihre Werkzeuge IWF, Weltbank usw. verhängen Wirtschaftsembargos gegen Länder, die nicht gehorchen. Im kolonialen Kontext entstand die Entwicklungspolitik. Sie dient dazu, die mentale und wirtschaftliche Abhängigkeit Afrikas aufrechtzuerhalten. Kein Land konnte seine Volkswirtschaft durch Entwicklungshilfe aufbauen. Europas Entwicklungsvorsprung entstand durch die brutale Ausbeutung der Kolonien. Gemeinsam müssen wir uns mit den Nachwirkungen des Kolonialismus auseinandersetzen, um die Herausforderung in Afrika zu verstehen. Europa und Afrika müssen sich entkolonialisieren, um auf einer Win-win-Basis zu arbeiten. Rechtsextremismus und Rassismus bedienen sich kolonialer Ideologien und führen zur systematischen Diskriminierung nichtweißer Personen etwa bei Wohnungs- und Jobsuche, Bildung und Justiz.

Das Zusammenleben erfordert von jedem, aus seiner Komfortzone hinauszutreten und das Leben des anderen zu verstehen. Kein Mensch entscheidet, ob er weiß oder nichtweiß geboren wird. Die Rassenunruhen in den USA zeigen, dass wir entschieden gegen Diskriminierung kämpfen müssen, dass wir alle im selben Boot sitzen.

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Aus dem Programmheft, Ausgabe Juli 2020