Gastbeitrag Kreativ durch die Krise

Von Christian Dunker

Christian Dunker (© Julia Terjung)
Christian Dunker (© Julia Terjung)

Bis der Impfstoff kommt, wird es vermutlich noch eine Weile dauern. Also durchhalten, unterstützen und die Nerven behalten. Als hyperaktives Kind hatte ich zu wenig Sitzfleisch. Meine Eltern ließen sich immer etwas einfallen. Das hat mir sehr gefallen. Heute mache ich das Unterhaltungsprogramm.


Christian Dunker ist Inhaber der Geistesblüten GmbH und Herausgeber des Literaturmagazins Geistesblüten AUTOREN BÜCHER KÜNSTLER. Der diplomierte Kommunikationswirt organisiert seit 2008 um die 1.000 Literatur- und Kulturveranstaltungen. Er war 2017 Jurymitglied beim Deutschen Buchpreis, vorher arbeitete er in Agenturen und als Büroleiter eines Bundestagsabgeordneten von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.


Als Junge hat mich Tom Sawyer schwer beeindruckt, wie er Becky aus der Höhle führte. Ihr sollte auf keinen Fall etwas passieren. Gleichwohl wollte er sie unterhalten. Auch ihm war nur das Licht anknipsen einfach zu wenig. Gerade jetzt können Buchhändler Mut machen, Sinn stiften, sogar Fernreisen im Kopf stattfinden lassen. Es geht ums Vertrauen und ums Wissen, wie welches Buch bei wem wirkt. Keiner verplempert gern Zeit. Treffenderweise erzählte uns André Aciman im Interview zu seinem neuen Roman: "Zeit ist immer der Preis, den wir für das Leben ohne Leben zahlen."

In den Geistesblüten gibt es keinen undurchdringlichen Bücherdschungel. Hier muss keiner mühsam einen Berg erklimmen, die Auswahl ist kuratiert, jeder Titel handverlesen. Das schafft Vertrauen, muss es doch gute Gründe geben, warum wir gerade diese Literatur ausgesucht haben. Zweimal im Jahr veröffentlichen wir das unabhängige Magazin Geistesblüten AUTOREN BÜCHER KÜNSTLER. In sehr persönlichen Interviews spüren wir die Geschichte hinter der Geschichte auf.

Als im März die Schaukeln auf Spielplätzen verschwanden und sich die Straßen zum Shutdown leerten, durften in Berlin die Buchhandlungen geöffnet bleiben. Ähnlich einer Apothekerdurchreiche stellten wir in wechselseitiger Rücksichtnahme einen Bedientresen in die Tür. Die wöchentlichen Veranstaltungen mit deutschsprachigen und internationalen Autoren sagten wir ab, waren aber online und telefonisch erreichbar und berieten wie im Aquarium mit dem Hörer am Ohr entlang der großen Schaufenster. Seitdem drehen wir Literaturtalks mit Autoren und Künstlern wie Katja Riemann, Andreas Schäfer, Oskar Roehler, Lilith Stangenberg und streamen die Filme auf Instagram, YouTube und unserer Website. Live legten wir nach der Sommerpause wieder los. Größer draußen auf der Piazza vorm Laden und kleiner drinnen. Lesungen, Projektionen und Ausstellungen. Seit Neuestem auch an Bord eines Schiffs.

Besser ist, wir helfen uns gemeinsam und rücksichtsvoll, bevor es ganz dunkel wird. Ohne ein gegenseitiges Ausspielen von Grundrechten wie die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die körperliche Unversehrtheit oder das Recht auf Kultur im Sinne von Artikel 5 Grundgesetz. Seit 2020 würde Grimms Salzprinzessin ihrem Vater wohl gestehen, dass sie ihn wie das Salz und die Kultur liebt. Beide sind fürs Leben essenziell. Wer zur Heilung Kultur ins künstliche Koma versetzt, ist auf dem falschen Weg. Sollte diese Maßnahme doch ursprünglich das Gehirn entlasten. Immer mehr Aufführungshäuser machen vor, wie das Kulturleben im Sitzen mit überschaubarem Publikum und leider weniger Einnahmen trotzdem erfahrbar bleibt. Leisten können wir uns die Vielfalt auf Dauer nur in gelebter Solidarität. Großveranstaltungen wie Buchmessen mit sich bewegenden Zuschauern bleiben schwierig. Leipzig wurde gerade verschoben. Nachdem große Verlagsgruppen und das Gastland Kanada für dieses Jahr absagten, findet die Frankfurter Messe vor allem digital statt. Buchmessen-Direktor Juergen Boos spricht von einem "ideellen und finanziellen" Verlust. Wenn etwas ins Wasser fällt, schlägt es Wellen und eine Buchmesse ist kein Kiesel. Noch habe ich von keinem Vermieter gehört, der beim Gang aus Corona die Laterne schwenkt. Wir müssen mutig bleiben und ein helles Licht setzen.


Aus dem Programmheft, Ausgabe Oktober 2020