Gastbeitrag Kultur und Demokratie

Von Gerhart Baum

Portrait von Gerhart Baum. (© Amac Garbe)
Gerhart Baum (© Amac Garbe)

Kulturinteressiert zu sein, heißt neugierig sein. Kultur kann aber nur gedeihen, wenn die Gesellschaft sie akzeptiert, respektiert und fördert. Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Förderer und Vermittler von Kultur kommt hierbei eine besondere Rolle zu.


Gerhart Baum, geboren 1932, war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister. In den Jahren danach befasste er sich als Politiker und Anwalt mit Fragen der Kultur, mit Bürgerrechten und mit internationaler Menschenrechtspolitik. Ab 1992 war er für die UNO tätig. Gerhart Baum erhielt viele Auszeichnungen, er ist Autor zahlreicher Bücher.


Kultur war und ist für mein Leben unverzichtbar – in allen ihren Bereichen. Von der Literatur über die bildende Kunst, die Musik bis zu Theater und Film. Ein Leben ohne Kultur könnte ich mir nicht vorstellen. Sie hat mich bereichert, hat mich beglückt, manchmal auch abgestoßen und verstört. Kulturinteressiert zu sein, heißt für mich vor allem neugierig sein. Auch neugierig auf das, was Zeitgenossen schaffen. Nicht nur verharren in der etablierten Kultur – obwohl die Neuinterpretation einer Bach-Passion auch immer wieder tief berühren kann –, sondern auch das wahrnehmen, was neu entsteht und im ersten Moment vielleicht fremd erscheint. Das gilt ganz besonders für die zeitgenössische Musik, der ich mich in den letzten Jahrzehnten geöffnet habe und die mein Leben nun ungemein bereichert. So bin ich zum Beispiel seit vielen Jahren regelmäßig Gast bei "Ultraschall Berlin", bekomme viele Impulse durch neue Kompositionen und interessante Interpreten. Ich kann nur schwer begreifen, dass Menschen, die sonst offen sind für vieles, was die Gesellschaft aktuell bewegt, sich nicht auch neuen Klangformen öffnen mögen. Es ist offensichtlich einfacher, durch eine Ausstellung moderner Kunst von Bild zu Bild zu schlendern, als im Konzertsaal auszuharren. Man muss nur seine Ohren öffnen und bewusst zuhören und sich dem Unvertrauten stellen. Und hier spielen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eine herausgehobene Rolle. Ich nenne ein Beispiel: eine Sendereihe in Deutschlandfunk Kultur von Rainer Pöllmann über Helmut Lachenmann. Durch Gespräche und viele Werkbeispiele konnte das Wesen der Klangwelt dieses bedeutenden Komponisten nachhaltig vermittelt werden. Eine moderne demokratische Gesellschaft ist für mich ohne Kultur nicht vorstellbar. Aber Kultur kann nur gedeihen, wenn die Gesellschaft sie akzeptiert, respektiert und fördert. Kultur ist und war immer ein Interesse von Minderheiten. Aber sie muss durch die Mehrheit geschützt werden – so steht es auch in unserer Verfassung. Unsere Gesellschaft wird heute gern durch ökonomisches Effizienzdenken bestimmt. Umso wichtiger ist es, den Menschen auch als kulturelles Wesen zu begreifen und das kreative Potenzial jedes Einzelnen sich entwickeln zu lassen. "Jeder Mensch ist ein Künstler", hat Joseph Beuys gesagt und hat genau dieses ausdrücken wollen: In jedem Menschen steckt ein kreatives Potenzial, das im Interesse der Zukunft unserer Gesellschaft entwickelt werden muss. "... was uns unter dem ungeheuren Begriff Kunst als Nachricht von Geist und kreativer Freiheit anvertraut ist ..." – wie Helmut Lachenmann den Stellenwert von Kunst wunderbar beschreibt – deshalb ist kulturelle Bildung so wichtig. Jetzt in der Zeit der Pandemie erleben wir, wie Kultur vermisst wird. Es wächst das Bewusstsein, dass Kultur Lebenselixier ist nicht nur für uns, sondern insgesamt für die Gesellschaft. Nicht von ungefähr ist die Kunstfreiheit im Grundgesetz besonders geschützt. In Diktaturen wird sie unterdrückt. Sie ist eben, wie Schiller sie bezeichnete, "eine Tochter der Freiheit". Kunst und Kultur geben gerade heute Orientierung, stoßen an, sind zukunftsorientiert und weltoffen. Es wird zurzeit viel und streitig über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskutiert, der übrigens auch eine Verfassungsgarantie hat. Neben dem Informationsauftrag ist leider selten vom Kulturauftrag die Rede. Aber: Wir hätten keine solch reiche Kulturlandschaft ohne den Rundfunk. Für die  Kulturentwicklung in unserem Lande sind öffentlich-rechtliche Sender unverzichtbar. Und auch im Kampf um die Freiheit der Kunst und gegen alle Versuche von rechts, sie in ihrer Freiheit zu begrenzen.


Aus dem Programmheft, Ausgabe Januar 2021