Gastbeitrag „Meet a Jew“

Von Rosa Lyenska

(© Rosa Lyenska)
Rosa Lyenska (© Rosa Lyenska)

Dieses Jahr feiern wir 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Das haben wir vor allem dem Engagement unserer Vorfahren zu verdanken, die mühevoll versuchten, trotz der schwierigen Umstände jüdisches Leben in Deutschland aufrechtzuerhalten.


Rosa Lyenska, 22 Jahre, studiert Film in Berlin, ist Programmdirektorin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland und engagiert sich seit 2017 für das Dialogprojekt "Meet a Jew", bei dem jüdische Jugendliche und Erwachsene Schulen und andere Einrichtungen besuchen und Fragen über das jüdische Leben in Deutschland beantworten.

www.meetajew.de


Manchmal sitzen wir in einer Schulklasse, manchmal in einer Kirche und manchmal vor mehr als 30 Mitarbeitern einer Firma, die alle auf das Dialogprojekt "Meet a Jew" gestoßen sind. Das finde ich immer wieder sehr inspirierend: Wenn Nichtjuden sich für jüdische Menschen einsetzen. Es erinnert mich daran, wie wichtig es ist, sich auch für Belange anderer Minderheiten zu engagieren. Manchmal habe ich Angst davor, die Teilnehmenden könnten denken, wir Juden seien irgendwie exklusiv, weshalb wir solche Veranstaltungen hätten, in denen wir eine Stunde lang nur über uns sprechen. Die meisten zeigen sich aber in der Regel interessiert.

Zunächst stelle ich immer die Frage, wie viele schon einmal in ihrem Alltag einem Juden begegnet seien. Darauf meldet sich meistens niemand. Dann erkläre ich die Problematik, die dadurch entsteht: Vielen fällt es leichter, Vorurteile zu entwickeln und an Verschwörungstheorien zu glauben, wenn sie noch nie persönlich einem Juden begegnet sind, und ich gebe dabei die Wichtigkeit von Projekten wie "Meet a Jew" zu verstehen. Uns geht es nicht darum, Vorträge zu halten, sondern ein Gespräch auf Augenhöhe zu suchen. Bei den Treffen werden viele Fragen dazu gestellt, ob wir persönlich bereits Erfahrung mit Antisemitismus gemacht hätten, aber auch Fragen zu unserer Religiosität. Das finde ich besonders schön, weil die Lebensrealität der Juden nicht nur aus Antisemitismus besteht, auch wenn man den Antisemitismus in Deutschland nicht herunterspielen darf. Und gleichzeitig fällt es mir schwer, die immer wiederkehrende Frage zu beantworten, wie mein religiöser Alltag aussieht. Ich erkläre dann, dass mein persönliches Judentum sehr viel mit Verantwortung zu tun hat. Ich gehe in die Synagoge, nicht, weil ich an Gott glaube und es für mich tue. Ich tue es für das Judentum, um es aufrechtzuerhalten.

Die Begegnungen laufen bei mir zum Glück überwiegend sehr positiv ab. Nur einmal provozierte ein Schüler damit, dass er anonym sehr zynische Fragen stellte. Auf dem Zettel stand unter anderem: "Wie ist die Luft so im Konzentrationslager?" Ich musste mir den Satz selbst mehrmals durchlesen, bis ich überhaupt realisierte, dass es sich dabei um keine wirkliche Frage handelte. Ich war verwirrt und eine dramatische, unangenehme Stille setzte ein. Ich nahm mir ein paar Sekunden Zeit, um darüber nachzudenken, ob ich die Frage vorlese oder einfach resigniere, es einfach so stehen lasse und nicht darauf eingehe. Ich wollte auf keinen Fall die Stimmung kippen und für den Rest der Begegnung eine angespannte Situation erzeugen. Und trotzdem las ich die Frage vor – weil auch das eine Realität des jüdischen Alltags widerspiegelt. Sofort entstand ein Tumult unter den Schülern, die den Verfasser der Frage beleidigten und ihn dazu aufforderten, sich zu stellen.

Ich halte nichts davon, auf Provokation mit Provokation zu reagieren, auch wenn mir in diesem Moment viele schlagfertige Antworten einfielen, die den Urheber jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit bloßgestellt hätten. Und genau das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass er sich gekränkt und angegriffen fühlt und sich seine Abneigung gegen Juden vielleicht noch mehr verstärkt. Manchmal muss man auf Antisemitismus sehr pragmatisch reagieren und seine Wut zurückhalten. Also sagte ich mit ruhiger Stimme, dass mich solche Fragen verletzen und traurig machen würden.

Ich weiß nicht, ob meine Reaktion bei dem Schüler ein Umdenken ausgelöst hat, und doch sind es solche Situationen, die mich immer wieder daran erinnern, warum ich mich bei Projekten wie "Meet a Jew" engagiere.


Aus dem Magazin, Ausgabe Mai 2021