Gastbeitrag Menschen, nicht nur Objekte

Von Prof. Jürgen Zimmerer

Prof. Jürgen Zimmerer (© UHH/Dingler)
Prof. Jürgen Zimmerer (© UHH/Dingler)

Die Debatte um das Erbe des Kolonialismus ist eine der zentralen Zukunftsdebatten unserer Zeit. Die deutsche Politik reduziert sie jedoch auf den Bereich der Kultur. Dabei geht es um weit mehr: um postkoloniale Identitäten, die Dekolonisierung der internationalen Ordnung und globale soziale Gerechtigkeit.


Jürgen Zimmerer ist Professor für Globalgeschichte an der Universität Hamburg und leitet den dortigen Projektverbund "Forschungsstelle 'Hamburgs (post-)koloniales Erbe'".


2019 jährte sich das formale Ende des deutschen Kolonialreiches zum 100., der Beginn der Berliner Afrika- oder "Kongo"-Konferenz zum 135. Mal. Beides sind Daten von erheblicher symbolischer Bedeutung, gerade auch für Deutschlands Geschichte in der Welt. Im öff entlichen, insbesondere im politischen Diskurs blieben sie weitgehend unbemerkt.

Dabei ist das Interesse am (deutschen) Kolonialismus derzeit größer, als es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges jemals war. Die koloniale Heroisierung, die nostalgisierende Verniedlichung, die koloniale Amnesie ist am Schwinden. Der koloniale Kern des Humboldt Forums in Berlin, die Frage kolonialer Raubkunst in deutschen Museen und auch der nicht aufgearbeitete Genozid an den Herero und Nama sind Themen, die es immer wieder über die Wahrnehmungsschwelle in den öff entlichen Diskurs schaff en. Dennoch kein Wort der Kanzlerin zur Raubkunst, kein Wort der Kanzlerin zur Berliner AfrikaKonferenz, kein Wort zum Genozid an den Herero und Nama.

Dabei wäre heute eine kritische Auseinandersetzung mit Deutschlands kolonialem Erbe, das ja weit über die 30 Jahre formaler deutscher Kolonialherrschaft hinausreicht, notwendiger denn je; in einem Deutschland, in dem (wieder) off en rassistische Positionen artikuliert und als politische Vorschläge diskutiert werden, in dem latent koloniale Positionen allerorten markiert werden können. Dabei hatte die vierte Regierung Merkel die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik zum Regierungsziel erhoben. Allerdings scheint beides problemlos Hand in Hand zu gehen: in der politischen Rhetorik koloniale Aufarbeitung zu reklamieren, sich in der Außen-, Sicherheits- und auch Flüchtlingspolitik innerhalb kolonialer Vorstellungs- und Diskurskontinuitäten zu bewegen. Zwar gelang es in den letzten Jahren insbesondere zivilgesellschaftlichen Gruppen und der Wissenschaft nicht zuletzt durch den Katalysator Humboldt Forum, eine Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe zu erzwingen. Allerdings, und das erweist sich nun als Hypothek, verschob die Politik die Frage kolonialer Aufarbeitung in den Bereich des Kulturellen und ins Ausland. Über (einzelne) Objekte wird diskutiert, Museumsgespräche werden (in der ganzen Welt) abgehalten, Bundestagsdebatten zum Thema finden für 30 Minuten (spät) abends statt.

Die breite politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Folgen des Kolonialismus, die kulturellen, sozialen, ökonomischen oder epistemischen, scheint nicht gewollt, sondern wird in Gremien, Kommissionen und Förderzentren entsorgt.

Über die Gründe mag man spekulieren: Die generelle Entpolitisierung des Politischen in der Ära Merkel oder die Angst vor einem Querschnittsthema, das Fragen der Identität, des Rassismus, der (globalen) sozialen Ungleichheit, aber auch der Geflüchtetenpolitik im Mittelmeer und anderswo sowie die Entwicklungs- und Sicherheitspolitik in einen diskursiven Zusammenhang bringt, in dem die Privilegien der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft noch privilegierter erscheinen. Wo off en zutage träte, auf welchen rassistischen und ausbeuterischen Grundlagen der Wohlstand Deutschlands, ja, Europas beruht.

Wenn es denn unbedingt sein muss, gibt man doch lieber einzelne Stücke kolonialer Beutekunst zurück, als dass man die grundsätzlichen Fragen der Zukunft angeht. Lieber teilt man die geraubten Kunstschätze als die noch verbleibenden Ressourcen der Erde.

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Aus dem Programmheft, Ausgabe März 2020