Gastbeitrag Öffentlich-rechtliche Medien und Gemeinsinn

Von Julia Serong

(© Julia Serong)
Julia Serong (© Julia Serong)

Gemeinsinn kommt nicht von alleine. Wenn digitale Öffentlichkeiten Sinn machen sollen, brauchen wir mehr als bloße Vernetzung. Wir brauchen Gemeinsinn. Das ist auch eine Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Medien.


Julia Serong ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die promovierte Kommunikationswissenschaftlerin forscht u.a. zu Medienqualität, Wissenschaftskommunikation und Public Value im Rundfunk.


Die Lebenswelt der meisten Menschen ist von Medien durchdrungen. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend enorm verstärkt, besonders in der Arbeitswelt und im Bildungswesen, aber auch in der Freizeit und in der Kultur. Vieles scheint heute ohne Medien kaum noch möglich. Es ist höchste Zeit, dass wir uns in einer breiten gesellschaftlichen Debatte darüber verständigen, wie wir mit Medien umgehen, wofür wir sie nutzen und was wir von ihnen erwarten. Besonders wichtig ist diese Debatte mit Blick auf die öffentlich-rechtlichen Medien. Was soll, darf, muss und kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der heutigen Zeit leisten? Dabei darf es nicht bloß darum gehen, Märkte nach Proporz aufzuteilen. Es geht um die Frage, wie wir uns in Zukunft als Gesellschaft in den Blick nehmen, erkennen und hinterfragen wollen – in einer Welt, die sich gerade massiv verändert durch Globalisierung, Klimawandel, Migration und Technologisierung. Wie wichtig ist uns Journalismus? Wie wichtig ist uns Kultur?

Die Debatte darüber, wie sich unser Mediensystem weiterentwickelt, darf kein Spezialdiskurs sein. Zwar öffnen sich mit mehr Bürgerbeteiligung und mehr Diskurs auch Einfallstore für populistische Gruppierungen, die die Öffentlich-Rechtlichen gern als "Staatsfunk" bezeichnen. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Und es liegt auch eine Chance darin. Denn schließlich bringt die Digitalisierung eine ganz neue Dynamik in die Beziehungen zwischen den Medien, dem Publikum und den Intermediären, also den Suchmaschinen, sozialen Netzwerken und Portalen, die als Vermittler den Informationsaustausch ermöglichen. Eben wie es beim Jugendkanal "funk" auf Instagram heißt: "Danke, dass ihr auch Info-Posts einen Like gebt."

Das Internet bringt nicht nur Hass und Häme hervor, sondern kann zum Besten dienen. Es kann wie kein Medium zuvor einen Gemeinsinn entstehen lassen, der es möglich macht, dass wir unseren gemeinsamen Nenner finden, gemeinsam für eine Sache kämpfen, gemeinsam lachen und gemeinsam weinen. Gemeinsinn kommt aber nicht von alleine. Er braucht eine starke Ordnung, die die Freiheit schützt und Raum für Vielfalt eröffnet. Denn die viel zitierte "Einheit in der Vielfalt" stellt sich nicht von selbst ein. Vernetzung alleine schafft noch keinen Gemeinsinn. Verlinkung alleine stellt noch keinen gesellschaftlich relevanten Sinnzusammenhang her. Die Konflikte, die unsere Öffentlichkeit heute polarisieren, lassen sich nicht mit einer viralen Tanz-Challenge überwinden. Wenn digitale Öffentlichkeiten Sinn machen sollen, dann müssen wir an einer Medienarchitektur arbeiten, die viele Zugänge eröffnet, und zwar für alle; die nicht nur Durchblick ermöglicht, sondern auch Einblick gewährt; die vor allem auch informierten Debatten Platz einräumt.

Die Nicht-Linearität der digitalen Medien bewirkt indes eine neue Beziehung zwischen Information und Meinung. In den sozialen Netzwerken und Foren werden in Sekundenschnelle Meinungen produziert und aggregiert. Die Meinungsbildung kommt der Informationsvermittlung immer öfter zuvor. Gerade da, wo alles frei und kostenlos erscheint, sind der freie Zugang zu Informationen und die freie Meinungsbildung strukturell bedingt nicht mehr gewährleistet. Außerdem drohen "alternative Fakten" den Diskurs zu untergraben, wo die gemeinsame Wissensbasis infrage gestellt wird. Die Corona-Pandemie hat vor Augen geführt, wie eng das Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Politik mitunter sein muss, um komplexe Problemlagen zu bewältigen. Das gemeinsame Ringen um Lösungen bringt aber auch Gefahren für deren Unabhängigkeit mit sich. Wir brauchen starke, unabhängige Public Service Medien, die nicht nur Sinn machen, sondern auch Gemeinsinn.


Aus dem Programmheft, Ausgabe April 2021