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Gastbeitrag Öffnet Euch

Von Bénédicte Savoy

Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy bei der Veranstaltung “Unerzählte Geschichten” über Wilhelm und Alexander von Humboldt im Rahmen der Reihe Lange Nacht im Deutschen Historischen Museum Berlin (Deutschlandradio / Simon Detel)
Bénédicte Savoy (Deutschlandradio / Simon Detel)

Prof. Dr. Bénédicte Savoy, 1972 in Paris geboren, ist französische Kunsthistorikerin. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin sowie Professorin für die Kulturgeschichte des europäischen Kunsterbes des 18. bis 20. Jahrhunderts am Collège de France in Paris. Ihre Forschungsinteressen sind Kunst und Kulturtransfer in Europa, Museumsgeschichte sowie Kunstraub und Beutekunst. 2016 erhielt sie den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.


Westdeutschland im Frühjahr 1979. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet auf einer vollen Seite über ein Symposium, das wenige Tage zuvor in Lindau zu Ende gegangen ist: ‚Museen und die Dritte Welt‘. In freier Anlehnung an Karl Marx’ oft zitierte Formel beginnt der Artikel mit dieser Feststellung: "Seit etwa sechs Jahren geht ein Gespenst um in europäischen Museen, kurz Restitution genannt." In der Tat hatte eine 1973 in New York verabschiedete Resolution der UNO überall in der Welt – besonders in Europa und speziell in Deutschland – eine breite und hitzige, heute völlig vergessene Debatte ausgelöst, deren Spuren sich in zahlreichen Archiven befinden. In Frankreich, Belgien, Großbritannien, aber auch und besonders in Deutschland entwickelten daraufhin Museumsfunktionäre unterschiedliche Strategien, um mit diesen Forderungen aus der ‚Dritten Welt‘, wie es damals hieß, umzugehen. In einer vertraulichen Stellungnahme der deutschen UNESCO-Kommission hieß es im Sommer 1978: "Die Länder der Dritten Welt sind entschlossen, ihr Kulturgut wiederzulangen und daheim zu präsentieren." Die Lage schien ernst, viele Museen machten mobil.

Die Lektüre der alten Korrespondenzen, Handreichungen, Sitzungsprotokolle und Vermerke, die in den Dienstzimmern der damaligen Museumsverantwortlichen in Berlin, Stuttgart, München, Köln etc. entstanden, lässt tief in die Vergangenheit aktueller Verkrampfungen blicken. Sie machen gleichzeitig sichtbar, wie institutionelle Herablassung, Zynismus und Verachtung den Alltag vieler Behörden prägte, wenn es zum Beispiel hieß, man solle den Restitutionsforderungen der Dritten Welt mit einem Angebot nach infrastruktureller Unterstützung begegnen. "Ob man dann, in Form einer noblen Geste da und dort entsprechende Sammlungen hingibt, hingeben soll, ist eine andere Frage. Aber das wird nach meiner Überzeugung nicht vor 1990 der Fall sein",schätzte der Direktor des ethnologischen Museums in Stuttgart im Jahr 1976, "und bis dahin ist ja noch einige Zeit." Gleichzeitig wehrten sich die Museen gegen die Veröffentlichung von Objektverzeichnissen zu ihren Beständen aus Afrika, Indien oder der Südsee: "Vor der Erstellung solcher Listen wird sowohl von Seiten unserer Völkerkundemuseen als auch der Kulturverwaltungen gewarnt. So würden Begehrlichkeiten erst recht geweckt", stellt ein ‚vertrauliches‘ Dokument der deutschen UNESCO-Kommission von 1978 fest.

Und heute? Museen wurden von Deutschland nicht gebaut und Objektverzeichnisse in Deutschland tatsächlich nie publiziert. Wer heute in Kamerun, Nigeria, Ruanda, Lesotho, Tansania, Namibia etc. erfahren will, was vom dortigen materiellen Erbe sich heute in den unsichtbaren Museumsdepots von Berlin, Hamburg, Stuttgart, München, Bremen, Köln, Leipzig oder Dresden befindet, erfährt es nicht. Wer umgekehrt in Berlin, Hamburg, Stuttgart, München, Bremen, Köln, Leipzig oder Dresden heute erfahren möchte, welche kolonialen Mechanismen und gewaltsamen Strukturen den Aufbau der riesigen, geisterhaften Sammlungen im Herzen unserer Städte begünstigt haben, darf es auch nicht erfahren oder selbst erforschen. Die Objekte leben unter uns. Sie arbeiten in uns. Doch die Institutionen, die sie in Deutschland aufbewahren, sind seit vierzig Jahren nicht bereit, Objektverzeichnisse zu publizieren. Transparenz ist der erste Schritt zur Dekolonisierung. Ohne Transparenz kein Vertrauen.


Aus dem Programmheft, Ausgabe Januar 2020