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Gastbeitrag Publikumsbeteiligung in den Medien

Von Christine Horz

Dr. Christine Horz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaften an der RUB. (© privat)
Dr. Christine Horz (© privat)

Dr. Christine Horz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Sie ist Gründerin und Bloggerin der Initiative zur Etablierung von Publikumsräten e.V. und Mitverfasserin der 10 Thesen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zur Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medien. Christine Horz lehrt und forscht zu Medienbeteiligungsprozessen in öffentlich finanzierten Medien, Medien und Migration sowie zu Rassismus in den Medien.


Medien, zumal die öffentlich-rechtlichen Sender in Europa, stehen vor zentralen Herausforderungen. Sie müssen mit den technischen Entwicklungen (Digitalisierung und Konvergenz) Schritt halten, um zukünftige Generationen zu erreichen und in einem globalen Medienmarkt zu bestehen. Als mindestens ebenso groß bewerten Forscher jene Herausforderungen, die durch tiefgreifende Veränderungen des Nutzerverhaltens und der Publikumserwartungen an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk entstanden sind. Bürger wählen Inhalte aktiv aus einem breiten Medienangebot aus. Ein kleiner Teil des Publikums findet sich jedoch mit der reinen Konsumentenrolle immer weniger ab und fordert mehr Mitbestimmung – bei Programmen und in Gremien. Um die Herausforderungen zu meistern, wird ARD, ZDF und Deutschlandradio abverlangt, eine ‚kopernikanische Wende’ zu vollziehen, indem sie das Publikum als Partner begreifen lernen. Gemeint ist vor allem die Etablierung von mehr Publikumsbeteiligung. Wie kann sie gelingen? Drei unterschiedliche Dimensionen sind dabei von Bedeutung.

Regulatorische Dimension: Sie betrifft die Beziehung zwischen Bürger, Medienpolitik und Medienregulierung. Derzeit entscheiden Repräsentanten von Interessenvertretern in den Rundfunkgremien, die entsendet, also nicht demokratisch gewählt werden. Die Zuschauer und Rundfunkbeitragszahler bleiben außen vor und können lediglich Programmbeschwerden an den Rundfunkrat richten. Eine dauerhafte Institutionalisierung von Publikumsvertretungen in den Aufsichtsgremien (partizipativ) oder durch externe, wählbare Publikumsräte (konsultativ oder partizipativ) könnte hier Abhilfe schaffen. Beispiele sind die Audience Councils der BBC (konsultativ) und die neuen Mitglieder des WDR-Rundfunkrats (partizipativ). Die Rundfunkregulierung muss reguliert, d.h. transparenter werden. Die Neuordnung der Gremien aufgrund der Forderung des Bundesverfassungsgerichts nach Dynamisierung, Vielfalt und Demokratisierung wurde bislang zu zögerlich umgesetzt.

Inhaltliche Dimension: Sie spricht die Beziehung zwischen Medienkonsument und Sender an. Das Publikum kann eine Watchdog-Funktion erfüllen, die eine Medienaufsicht aus Nutzersicht erlaubt. Die sogenannten Zuschauerredaktionen werden als nicht ausreichend betrachtet, da sie keine nachhaltigen Partnerschaften zwischen Sender und Publikum aufbauen. Ombudsleute, die unabhängig von den Sendern Zuschauerinteressen vertreten, können Mittler im Dialog über Inhalte sein, wie die SRG Deutschschweiz, das Pendant zu ARD und ZDF, zeigt. Daneben sollte das Publikum auch die Möglichkeit haben, vor der Ausstrahlung eines Beitrags einbezogen zu werden, etwa durch Dialog mit Journalisten oder Umfragen zu neuen Formaten in den Chat-Foren der Intensivnutzer, wie dies in der Schweiz bereits geschieht.

Gesellschaftliche Dimension: Sie betrifft die Beziehung zwischen Sender und Gesellschaft. Auf einer übergeordneten Ebene sollten der Programmauftrag und Public Value (gesellschaftlicher Wert öffentlicher Güter) aus Nutzersicht, etwa durch die Mitarbeit des Publikums an der Verbesserung der Programmqualität, institutionalisiert werden. Externe Evaluationen der Sendeinhalte durch ein kommunikations- und medienwissenschaftliches Fachgremium sollten diese wie in anderen europäischen Ländern ergänzen. Das Publikum als Hauptfinancier der öffentlich-rechtlichen Medien kann ferner Kostentransparenz erwarten.

Diese Erwartungen sind aufgrund der ARD, ZDF und Deutschlandradio zugeschriebenen demokratischen Funktionen und ihres verfassungsmäßigen Auftrags legitim. Die Sender sollen die Meinungsbildung möglichst frei von kommerziellen und politischen Interessen ermöglichen, sodass Bürger am demokratischen Prozess teilnehmen können. Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sind wichtige Institutionen, vor welchen Demokratisierungsprozesse nicht haltmachen dürfen. Politik und Sender sind in der Pflicht, die Voraussetzungen für mehr Beteiligung der Bürger zu schaffen. Inwiefern aktuelle Strukturreformen für Veränderung sorgen, bleibt abzuwarten. Ein ‚öffentlich-rechtliches Internet’ sowie die Vernetzung der Sender mit Kulturinstitutionen könnten darüber hinaus innovative Möglichkeiten für mehr Partizipation und wechselseitigen Dialog mit den Bürgern eröffnen.


Aus dem Programmheft, Ausgabe Mai 2018

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