Gastbeitrag Vertrauen für 86 Cent mehr

Von Thomas Kralinski und Wolfgang Schroeder

THOMAS KRALINSKI ist ehemaliger Medienstaatssekretär Brandenburgs und Vorstandsmitglied des Thinktanks Progressives Zentrum sowie seit 2019 Hörfunkratsmitglied von Deutschlandradio. WOLFGANG SCHROEDER ist Professor der Politikwissenschaft an der Universität Kassel und am Wissenschaftszentrum Berlin. (Staatskanzlei Brandenburg, WZB)
(v.l.n.r.) Thomas Kralinski und Wolfgang Schroeder (Staatskanzlei Brandenburg, WZB)

Das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien steigt. Gerade in Zeiten um sich greifenden Populismus sind sie ein wichtiger Hort unserer Demokratie.


Thomas Kralinski ist ehemaliger Medienstaatssekretär Brandenburgs und Vorstandsmitglied des Thinktanks Progressives Zentrum sowie seit 2019 Hörfunkratsmitglied von Deutschlandradio. 

Wolfgang Schroeder ist Professor der Politikwissenschaft an der Universität Kassel und am Wissenschaftszentrum Berlin.


1.000 Mal höher. Um diese Rate stieg die Nachfrage nach den Nachrichten von Deutschlandfunk im März dieses Jahres. Die Tageschau erreichte allabendlich zehn, zwölf, bisweilen fast 15 Millionen Menschen. Das zeigt: Die Nachfrage nach vertrautem und vertrauenswürdigem Journalismus ist in Deutschland ungebrochen. Das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien ist – allen Unkenrufen zum Trotz – in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. Volle drei Viertel der Deutschen halten die Angebote der öffentlich-rechtlichen Medien für glaubwürdig, damit liegen diese deutlich vor den sozialen Medien oder der Boulevardpresse. 67 Prozent der Deutschen vertrauen den Rundfunkanstalten – dieser Wert ist seit 2015 um sechs Punkte gestiegen. Getoppt wird das Vertrauen in die Öffentlich-Rechtlichen nur durch das in Verfassungsgerichte, Verbraucherzentralen oder die Polizei.

Nun wird von manchen politischen Kräften eine Debatte um die anstehende Erhöhung des Rundfunkbeitrages geführt. Warum? Nach zwölf Jahren soll der Beitrag ab 2021 zum ersten Mal um 86 Cent erhöht werden: von derzeit 17,50 Euro auf 18,36 Euro. Deutschlandradio bekommt von diesem "Beitragskuchen" statt der derzeit 50 Cent dann 54 Cent. So hat es die zuständige unabhängige Kommission errechnet, die den Anstalten stets sehr kritisch und akribisch auf die Finger schaut.

Richtig ist, die öffentlich-rechtlichen Medienangebote immer kritisch zu evaluieren. Ohne ein auf Kritik sensibel reagierendes System der Öffentlich-Rechtlichen würde unsere Demokratie nicht so funktionieren, wie wir dies von einer streitbaren, integrativen Demokratie erwarten, in der alle Interessen und Meinungen auch öffentlich werden (müssen).

Fast alles, was wir Bürgerinnen und Bürger über Gesellschaft und Politik wissen, erfahren wir über die Medien. Ohne eine zuverlässige Informationsvermittlung können wir uns kein Bild machen, kann Demokratie nicht funktionieren. Medien sind der Marktplatz, auf dem öffentliche Debatten geführt werden. Sie sind damit überlebensnotwendig für die Demokratie insgesamt.

Das soll beileibe kein Argument für den Status quo sein. Auch die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich der geänderten Mediennutzung schneller anpassen. Es braucht stärkere Profilbildung gerade in den Bereichen von Information, Kultur, Bildung und Beratung. Es geht aber auch darum, Unterhaltung so zu gestalten, dass sie denen gefällt, die sie konsumieren. Wenn Unterhaltung zudem bildet, informiert und zu öffentlichen Debatten führt, umso besser. Man denke an Formate wie "Babylon Berlin", wo viele Menschen mehr über die Verhältnisse der Weimarer Republik gelernt haben als jemals in der Schule. Es geht um einen großen Nachrichten- und Informationskanal der öffentlich-rechtlichen Medien, eine gemeinsame Plattform, wo man alle Angebote bündelt – und sie sich nicht mühsam zusammensuchen muss. Die Öffentlich-Rechtlichen sollten nicht primär auf die Quote achten. Wenn sie Medienplattform für alle sein wollen, müssen sie auch die weniger an diesen Angeboten Interessierten mitnehmen. Nur so können der Zusammenhalt und die Vielfalt in unserem Land gesichert werden. Dafür müssen alle Altersgruppen, alle Schichten und Regionen präsent sein.

Gerade angesichts eines weltweit um sich greifenden Populismus sind öffentlich-rechtliche Medien wichtig, um für unabhängige Orientierung in unübersichtlichen Zeiten zu sorgen. Deshalb brauchen wir sie heute mehr denn je. 86 Cent mehr im Monat sind dafür gut angelegt. Und ehrlich gesagt auch ziemlich preiswert.


Aus dem Programmheft, Ausgabe August 2020