Gastbeitrag Vom Massenmedium zum Medium der Massen

Karin Bjerregaard Schlüter

Portrait einer Frau mit halblangem Haar und Brille im Profil (© Sami Skalli)
Karin Bjerregaard Schlüter (© Sami Skalli)

Digitale Medien stehen in Verruf. Ihnen wird die Spaltung der Gesellschaft zur Last gelegt und eine Vereinzelung der Nutzer. Dabei sind sie auch für die Öffentlich-Rechtlichen eine Befreiung von Formaten, die für einen durchschnittlichen Massenmarkt gemacht werden.


PROF. KARIN BJERREGAARD SCHLÜTER, verantwortlich für die strategische Entwicklung und die digitale Lehre im berufsbegleitenden Masterstudiengang Leadership in digitaler Innovation der Universität der Künste Berlin. Sie lehrt dort in den Modulen Leadership und Organisation sowie Digitale Öffentlichkeit.


Unsere Familie hat kein Auto, aus diesem Grund sind meine Kinder nicht mit der Technologie Radio vertraut. So war meine Tochter komplett überfordert, als sie in einem Mietwagen alle Tasten des UKW-Geräts gedrückt hatte und sie einfach nicht ihre Lieblingsband finden konnte. "Das Internet ist mies, Spotify geht nicht", war ihre Schlussfolgerung. Ich kann es ihr nicht verübeln.

Unsere Erwartungen an die Qualität der Inhalte wird bestimmt durch die Technik, über die wir sie empfangen. "Das Medium ist die Botschaft" – Marshall McLuhans These beweist sich, wenn wir uns den Übergang von linearen zu digitalen Medien anschauen. Die "Botschaft" oder anders ausgedrückt, die Möglichkeiten des Radios waren in den vergangenen Jahrzehnten sehr klar definiert. UKW stellt nur eine eingeschränkte Zahl an Frequenzen zur Verfügung.
Und Hörende hatten die Auswahl nur von Kategorien: beispielsweise Rock, Pop, Klassik, journalistische Qualität oder leichte Unterhaltung. Wir freuten uns, wenn der Lieblingssong kam. Planen konnten wir es aber nicht.

Im Zeitalter der Massenmedien war Öffentlichkeit ein gedachter Raum, in dem alle Zugriff auf ein relevantes Informationsset hatten, das wir zur Meinungsbildung und zur kommunikativen Gestaltung unseres Zusammenlebens nutzten. Dieser Raum war das Hoheitsgebiet von Zeitungen, Radio und Fernsehen und hatte den Vorteil einer großen Transparenz und Sichtbarkeit. Ein Nachteil war allerdings die fehlende Möglichkeit zur Personalisierung und die große Hürde zur Partizipation jedes Einzelnen.

Wir Zuschauenden und Hörenden mussten hoffen, dass ein Medium für uns spricht und wir so eine Repräsentanz finden. Das digitale Zeitalter räumt dieses Hindernis aus dem Weg. Jeder hat nun eine Stimme, die veröffentlicht, gehört und geteilt werden kann. Das Angebot wird immer größer und spezieller. So müssen sich die Formate in einem wachsenden Markt durchsetzen.

Zeitgleich verlagert sich das Hören immer weiter ins Innere. Podcasts und andere Audios werden häufig über Kopfhörer auf mobilen Geräten gehört. Hören ist zu einem intimen Akt geworden, und da wählen wir sehr genau aus, wen wir so nah an uns heranlassen. Und immer mehr Menschen wollen mit uns sprechen. Mikrofone sind überall, man benötigt kein Studio und keinen Sendemast mehr, um "auf Sendung" zu gehen.

In der digitalen Öffentlichkeit gibt es Experten, die mir ihr Gebiet erklären, und Algorithmen, die mir die für mich perfekte Auswahl vorschlagen. Als Hörende erlebe ich eine inspirierende Selbstbestimmung und Inhalte, die meine Interessen vertiefen, weitertreiben und die sehr relevant für mein Leben sind.

Neue Podcast-Portale, auf denen Audios leicht aufgenommen und geteilt werden können, machen dem klassischen Radio deutlich Konkurrenz. Noch
werden Massenmedien genutzt, sie sind allerdings immer weniger in der Lage, eine gemeinsame Öffentlichkeit zu kreieren. Dazu kommen Hörer, die ihre Mediennutzungsgewohnheiten an der neuen Technologie gebildet haben. Diese wollen Nachrichten dann konsumieren, wenn sie wissen wollen, was in der Welt vor sich geht, und nicht zur vollen Stunde: den Wissenschaftlern, Künstlern und Journalisten direkt folgen und tiefe Einblicke in deren Leben und Schaffen bekommen.

Was bedeutet das für die öffentlich-rechtlichen Medienschaffenden? Sie müssen ein neues Medium erlernen, eine neue Botschaft finden und Hörende nicht durch alte Technik ausschließen. Sie sollten sich von einem Massenmedium zu einem Medium der Massen entwickeln.


Aus dem Magazin, Ausgabe Mai 2022