Gastbeitrag Wenn Arbeit mit den Händen nichts wert ist

Domenico Müllensiefen

Domenico Müllensiefen (© Susanne Schleyer)
Domenico Müllensiefen (© Susanne Schleyer)

Vor gut 20 Jahren änderte die SPD mit der Agenda 2010 die Rahmenbedingungen unseres sozialen Miteinanders. Heute wollen sich immer weniger Menschen die Hände schmutzig machen. Gleichzeitig erleben wir die Verrohung einer ichbezogenen und durchindividualisierten Gesellschaft. Ein Zufall?


Domenico Müllensiefen machte nach der Realschule eine Ausbildung zum Systemelektroniker. Später arbeitete er als Techniker. 2011 begann er sein Studium am Deutschen Literaturinstitut und arbeitete nebenberuflich als Bestatter. 2013 war er Mitherausgeber der Anthologie "Tippgemeinschaft". Müllensiefen lebt in Leipzig und arbeitet als Planer und Bauleiter. Im Februar erschien sein Debütroman "Aus unseren Feuern".


"Sie können sich ja noch umorientieren." Dieser Satz geht mir immer wieder durch den Kopf, seitdem ich ihn 2007 gehört habe. Damals arbeitete ich als Leiharbeiter, mein Stundenlohn betrug 8,15 Euro, was im Osten schon ganz gut war. Nach Abzügen blieben mir monatlich knapp 1.000 Euro. Der Vertrag war immer auf drei Monate begrenzt und wurde kurz vor Ablauf um weitere drei Monate verlängert. So war es im Juni, im September, und so sollte es auch im Dezember sein. Zumindest dachte ich das, als mir der Termin mit dem Teamleiter gegeben wurde. Er eröffnete das Gespräch mit den Worten: "Herr Müllensiefen, wir werden Sie bis zum 31.12. weiterbeschäftigen." "2008?" "Nein. 2007." Mir ging die Kinnlade runter. Der Typ hatte mich gerade entlassen und dabei das Wort "weiterbeschäftigen" benutzt. Er war sehr routiniert. Das machte er nicht zum ersten Mal und ich begriff, dass es kein Zufall war, dass dieser Termin am Nachmittag und nicht schon am Vormittag stattfand. So konnte ich noch Geld in den Betrieb bringen. Dann machte er mir das Angebot, dass ich in dem Job weiterhin arbeiten dürfe. Allerdings wäre das in Stuttgart oder Wiesbaden, das könne er nicht genau sagen, und wäre natürlich wieder nur für drei Monate. Ich hätte die Stelle am 2.1. antreten müssen, und mehr Geld hätte es auch nicht gegeben. Und dann sagte er: "Sie können sich ja noch umorientieren."

Ein Jahr zuvor hatte ich in Magdeburg meine Ausbildung beendet. In meiner Heimat, der Altmark gab es keinen Ausbildungsplatz für mich. Und als es nach der Ausbildung in Magdeburg keine Arbeit gab, zog ich nach Leipzig. Und nun bot man mir an, noch weiterzuziehen. Immer der Arbeit hinterher. Und ja, ich war jung, ich hätte mich umorientieren können. Aber ich wollte Beständigkeit. Ich wollte mir ein Leben aufbauen, das mehr Zukunft bot als drei weitere Monate als Leiharbeiter. Ich wollte nicht wegziehen. Ich wollte nicht mehr flexibel sein, ich wollte mich nicht umorientieren.

Was ich wollte, interessierte den damaligen Arbeitsmarkt einen Dreck. Das Individuum in der Arbeiterklasse war nichts wert. Personal wurde als Humankapital diskreditiert. Fordern und fördern, Ich-AG und Leistungsbereitschaft waren die Losungen der Zeit. Und einhergehend mit einer Abwertung der Haupt- und Realschulen, bei gleichzeitiger Lohnstagnation, wurde eine Klasse von Arbeitsnomaden geschaffen, die gezwungen war, jede Drecksarbeit anzunehmen, wenn man sich vom Arbeitsamt nicht gängeln lassen wollte.

Heute erleben wir die Ernte dieser Saat. An den wichtigsten Positionen der Gesellschaft fehlen Menschen, die bereit sind, diese zu besetzen. Wir haben zu wenig Pflegepersonal, zu wenig HandwerkerInnen, zu wenig ErzieherInnen, zu wenig BademeisterInnen, zu wenig Menschen, die unsere Gesellschaft aufbauen, erziehen, renovieren und erhalten. Die Gründe für diese Situation sind vielschichtig, aber einer ist, dass dieses neoliberale System seit zwei Jahrzehnten den Menschen zeigt, dass die Arbeit mit den Händen nichts wert ist. Gleichzeitig wird von den Leuten verlangt, dass sie flexibel und leistungsbereit sind, dass sie ihren persönlichen Mehrwert einbringen und bla, bla, bla.

Ich wünsche mir, dass diese Gesellschaft sich umorientiert. Es ist an der Zeit, dass es nicht nur Diskussionen darüber gibt, was wirklich wichtig ist, sondern dass den Menschen, die das alles hier am Leben halten, eine anständige soziale und finanzielle Wertschätzung entgegengebracht wird. Vielleicht könnte man der Verrohung der Gesellschaft damit entgegenwirken. Große Hoffnungen, dass sich etwas ändert, habe ich ehrlich gesagt nicht.


Aus dem Magazin, Ausgabe Juni 2022