Gastbeitrag Wer ist „Wir“?

Von Dr. Mithu M. Sanyal

Mithu Sanyal ( © Regentaucher)
Dr. Mithu M. Sanyal ( © Regentaucher)

„Wir“ ist ein Sehnsuchtswort. Drei Buchstaben, bei denen uns sofort warm ums Herz wird. Und ich meine das vollkommen unironisch. Menschen sind intimst miteinander verbunden, weshalb die Fragen nach unseren Beziehungen so zentral für uns sind. Wir brauchen einander im wahrsten Sinne des Wortes zum Überleben.


Dr. Mithu M. Sanyal, Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin für WDR, SWR, Deutschlandradio, Spiegel, Bundeszentrale für politische Bildung, The Guardian, taz etc. Bücher u.a. "Vulva", "Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens", das mit dem Preis "Geisteswissenschaften International" ausgezeichnet wurde. Gerade ist ihr Debütroman "Identitti" erschienen.


Ein Gastbeitrag zur Deutschlandradio Denkfabrik: Auf der Suche nach dem "Wir"

Ich glaube, das ist der Grund, warum die aktuellen Aushandlungsprozesse – aka Identitätspolitik – so viele Menschen beängstigen. So äußerte Wolfgang Thierse in der Juni-Ausgabe dieses Programmheftes die Befürchtung: Was ist denn dann mit dem "Wir", wenn wir uns in immer kleinere Grüppchen aufspalten: Schwarze, POCs, Frauen, Trans, Inter ... you name it?

Meine Antwort darauf lautet: Google. Man muss nur eine Google-Bildersuche mit einem dieser "Wirs" – nehmen wir "Deutsche" – machen, um ... eben kein repräsentatives Bild zu erhalten. Sogar Donald Trump kommt noch vor den ersten nicht weißen Deutschen. Wie kann das sein? Weil sich ein "Wir", das wir nicht ausdifferenzieren, immer auf den dominanten Teil einer Gesellschaft bezieht. Wir sind in diesem "Wir" vielleicht mitgemeint, aber nicht mitgedacht.

Das Ziel von Identitätspolitik, wie ich sie verstehe, ist es, ein diverseres "Wir" denkbar zu machen, das seine Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung versteht. Denn natürlich ist "Wir" auch für mich ein Sehnsuchtswort. Nur schaue ich von der anderen Seite darauf. Von der, die mit "Wir" noch nie eine Selbstverständlichkeit verbunden hat und wann immer sie das Wort ausspricht, zusammen zuckt, in Erwartung, dass ihr jemand auf die Schulter tippt und einen Zugehörigkeitsbeweis fordert.

Falls sich das für Sie übertrieben anhört, gehören Sie ... aber ich will hier gar keine neuen Gräben auf machen, sondern nur sagen, dass man manche Sachen erleben muss, um sie nachvollziehen zu können. Zum Glück gibt es viele Arten des Erlebens. Geschichten sind eine davon. Wenn uns jemand eine Begebenheit erzählt, aktiviert das dieselben Neuronen in unserem Gehirn, als wäre sie uns tatsächlich passiert. Vielleicht nicht exakt in derselben Intensität. Aber dann kann man ja mehr Geschichten hören/lesen/nachfühlen. Das ist der Grund, warum wir unsichtbaren "Wirs" die ganze Zeit über unsere Wahrnehmung und Erfahrungen reden – um sie zu teilen!

Trotzdem ist die Sorge, dass wir zu viel über Differenzen sprechen, berechtigt. Doch bedeutet das nicht, dass wir weniger darüber reden sollten, sondern mehr über Gemeinsamkeiten. Schließlich haben wir viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Alle! Wir mögen unterschiedliche Dinge brauchen und erleben, aber wir sind nicht in unserer Essenz unterschieden. Und bei den überfälligen Debatten, die wir endlich, endlich führen, kann das schon mal aus dem Blickfeld geraten.

Es geht bei Identitätspolitik nicht um Unterschiede im Sein, sondern in Bezug auf Ressourcen und Rechte – und darum, diese zu überwinden! Während der Versuch, eine Gleichheit zu beschwören, die in der Welt so (noch) nicht vorhanden ist, sich für mich oft anhört wie: Alle Menschen haben Füße, deshalb reicht es, Schuhe in Größe 40 herzustellen.

Doch jetzt kommt die Krux: "Wir" mag zwar ein Sehnsuchtswort sein, es ist aber auch immer ein Problem. Denn sobald wir die Frage nach dem "Wir" stellen, impliziert das, dass es ein "Ihr" gibt, ein Nicht-"Wir", etwas, das nicht dazugehört und daher auch kein Anrecht auf gleiche Rechte hat – wie zum Beispiel die Menschen, die wir an den Grenzen Europas ertrinken lassen. Und da ist es egal, ob ich mit vielen dieser Menschen die Hautfarbe teile, denn ich habe einen der begehrtesten Pässe der Welt und sie nicht. Wenn wir über "Wir" sprechen, müssen wir gleichzeitig über Solidarität sprechen, und zwar über die Grenzen unserer eigenen Gruppe hinaus. "Wir" misst sich immer auch daran, wie wir das dazu korrespondierende "Ihr" behandeln.


Aus dem Magazin, Ausgabe Juli 2021