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Gastbeitrag Willkommen in der Familie!

Von Wolfram Eilenberger

Der Philosoph Wolfram Eilenberger während einer Diskussionsveranstaltung auf der Leipziger Buchmesse (imago / Gerhard Leber)
Der Philosoph Wolfram Eilenberger (imago / Gerhard Leber)

Ein philosophischer Versöhnungsversuch zur E-Sport-Debatte

Zunächst sträubt sich, bekennen wir es frei, in der wahren Sportlerseele so ziemlich alles gegen eine Aufnahme. Vor dem geistigen Auge erscheinen leicht übergewichtige Teenager mit geröteten Augen. Seit Wochen, stellen wir uns vor, haben sie kein Tageslicht gesehen, sondern Stunde um Stunde bei zugezogenen Gardinen vor dem Bildschirm gezockt – oder eben ‚trainiert‘. Schließlich ist der Wettbewerb auch im E-Sport ein globaler, wird entsprechend hart geführt und verspricht mittlerweile sogar fürstliche Preis- und Sponsorengelder. Allein die gemäße Anerkennung aus der Welt des sogenannt richtigen und damit auch rechtlich nobilitierten Sports blieb bislang aus. Zu Recht?

Bewegungsintensität
Halten wir zunächst das weithin Unstrittige fest: Nicht jeder Mensch, der mit einer hart antrainierten Geschicklichkeit unter regelgeleiteten, wettbewerbsähnlichen Bedingungen sein tägliches Brot verdient, ist damit auch ein Profisportler (man denke nur an Zirkusartisten, Musiker, Performance-Künstler oder auch Sex-Arbeiter). Doch was genau macht eine leibliche Betätigung dann zu einer sportlichen – und was nicht? Warum sind Darts, Schach und Formel-1-Rennen rechtlich anerkannte Sportarten, konsolengetriebener E-Sport aber noch nicht? Dies kann kaum mit der fehlenden Bewegungsintensität von E-Sportlern zusammenhängen (siehe Schach), nicht mit einer etwaigen sonstigen leiblichen Untüchtigkeit der Akteure (siehe Darts) und auch nicht mit der konstitutiven Bindung der Betätigung an technische Mittel und Medien (siehe Formel 1).

Familienähnlichkeiten
Gibt es, anders und grundlegender gefragt, überhaupt eine einzige Eigenschaft, die alle Betätigungen – die wir aus guten Gründen ‚Sport‘ nennen – gemeinsam hätten? Eben diese Frage stellte sich einst, am Beispiel des Begriffs ‚Spiel‘, der Philosoph Ludwig Wittgenstein in seinem epochalen Werk ‚Philosophische Untersuchungen‘. Nach eingehender gedanklicher Prüfung verneint Wittgenstein dies: Es gibt nichts, was alle Tätigkeiten, die wir in unserer Sprache ‚Spiel‘ nennen, gemeinsam hätten (Glücksspiel, Theaterspiel, Schachspiel, Spiel der Katze mit der Maus, Indiaca, Tennis). Eine identische Diagnose möchte auch für den Sport gelten. Nach Wittgenstein beruht das Einheitliche, das die Verwendung eines Begriffes vernünftig sichert, vielmehr auf etwas, das er ‚Familienähnlichkeiten‘ nennt. Das freie Rollenspiel von Kindergartenkindern weist demnach signifikante Ähnlichkeiten mit dem freien Improvisieren des Indiaca im Park auf, dieses wiederum mit dem Turniertennis, dieses womöglich mit dem regelstrengen Schach ... Was aber hat das freie Rollenspiel von Kindern nun mit Schach gemeinsam? Eigentlich gar nichts. Nur eben, dass beide aus guten Gründen zur schier unüberschaubar großen Familie der ‚Spiele‘ gehören.

Ethos des Sports
Einmal so angeleitet, fällt es nicht schwer, relevante Familienähnlichkeiten des E-Sports mit bereits offiziell anerkannten Sportarten namhaft zu machen. Schon klar, die E-Sportler sind aus vielen Gründen ‚neuartige Mitglieder‘. Sie sehen ein bisschen anders aus, kommen ein bisschen anders daher. Sie sind athletische Grenzgänger und Grenzfälle. Und nichts und niemand in der Welt zwingt uns, sie als Sportler im eigentlichen Sinne anzuerkennen. Andererseits gebietet die Logik eines guten, fairen Familiensinns unter wahren Sportlern, einen ‚Neuen‘ im Zweifelsfall mit Wohlwollen aufzunehmen und mitspielen zu lassen. Auch wenn es am Anfang ein bisschen mühsam und sogar störend sein mag. Das Ethos des Sports ist nun einmal – das zeichnet es aus – kein ausgrenzendes. Und sollte es auch in diesem Fall nicht sein.


Dr. Wolfram Eilenberger ist Philosoph, Autor, Publizist und Sportfreund mit DFB-Trainerlizenz. Seine Leidenschaft ist die Anwendung philosophischer Gedanken auf die heutige Lebenswelt. Für sein Buch ‚Zeit der Zauberer – Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929‘ erhielt Eilenberger im November 2018 den Bayerischen Buchpreis. Der Gründungschefredakteur der Zeitschrift ‚Philosophie Magazin‘ schreibt die monatliche Fußballkolumne ‚Eilenbergers Kabinenpredigt‘ auf ZEIT ONLINE.


Aus dem Programmheft, Ausgabe Mai 2019