Gastbeitrag Wissenschaftsjournalismus und die Corona-Pandemie

Von Annette Leßmöllmann

Annette Leßmöllmann (© Nicola Haubner)
Annette Leßmöllmann (© Nicola Haubner)

Wie unter einem Brennglas tritt zu Corona-Zeiten die Bedeutung von Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten deutlich zutage. Sie sind systemrelevant – hier zu sparen, wäre fatal.


Annette Leßmöllmann ist Professorin für Wissenschaftskommunikation mit dem Schwerpunkt Linguistik am Karlsruher Institut für Technologie. Die promovierte Sprachwissenschaftlerin war lange als freie Wissenschaftsjournalistin und Redakteurin tätig. Sie ist Mitglied im Hörfunkrat von Deutschlandradio, wohin sie als Vertreterin der Hochschulrektorenkonferenz entsandt wurde.


Inzidenz, mRNA-Impfstoff, R-Wert. Bis vor einem Jahr hätten viele von uns diese Begriffe getrost ins Reich der Fachleute verbannt. Heute ist das anders. Wer hätte gedacht, dass wir mal am Frühstückstisch und im Familienchat über die Aussagekraft einer Studie streiten? Die Forschung ist mit Macht in unserem Alltag angekommen. Und damit alles, was Forschung so reizvoll, aber auch so kompliziert macht: Sie liefert ständig neue Erkenntnisse. Sie bringt mehr Fragen als Antworten. Nur selten beweist sie etwas. Für Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten ist genau das ihr tägliches Brot. Studien kritisch beäugen, auswählen, gewichten, Relevanz von Ergebnissen und Methoden genauso wie die Glaubwürdigkeit von Expertinnen und Experten prüfen. Nicht erst seit Corona tun sie das, denn Wissenschaft ist heute überall: Klimawandel, Zukunft der Bildung, selbstfahrende Autos, Migration, Fleischkonsum, Artensterben und viele weitere sind Themen, die von Forschung geformt werden. Doch Corona hat die Arbeit der Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten auf ganz besondere Weise herausgefordert. Sie müssen in Windeseile durch eine Studienflut waten und auf unsicherem Datenfundament die verlässlichsten Ergebnisse herausziehen. Aber sie müssen auch orientieren ("Wie gefährlich ist die neue Mutante?"), vielleicht sogar beraten ("Impfen ja oder nein?"). Wissenschaftsberichterstattung kann ganz schnell zur Politikberichterstattung werden. Es hat sich gezeigt: Wissenschaftsjournalistische Kompetenz geht weit darüber hinaus, Wissenschaftskauderwelsch in Alltagssprache zu übersetzen. Wichtige Aufgaben liegen woanders. Das Publikum auf allen Kanälen zu erreichen ist eine. Seine Alltagsfragen aufgreifen, gesellschaftliche und politische Dimensionen der Forschung abzutasten eine weitere. Aber ganz besonders gilt es heute, Kritik an der Wissenschaft, sogar Ablehnung zur Kenntnis zu nehmen und damit umzugehen. So führen die Debatten auf Instagram ganz schnell zu den Grundfragen: Was ist gute Forschung? Kann man an Wissenschaft glauben? In Krisenzeiten dialogfähig zu sein, ist für Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten während der Corona-Pandemie sehr relevant geworden. Auch in den Nachrichten- oder Politikredaktionen werden sie stärker angefragt. Früher schon hatte das Berufsfeld gefordert: Auch die anderen Ressorts müssen wissenschaftsjournalistische Kompetenz haben, um nicht schlechten Studien (ja, die gibt es!) und falschen Expertinnen und Experten aufzusitzen. Wissenschaftsjournalismus ist demnach schon lange kein Nischenprodukt mehr – Corona hat das so richtig ans Licht gebracht. Gleichzeitig ist er bedroht: In Redaktionen wurden in der sogenannten Medienkrise (ich halte sie für eine "Wir haben das Internet verschlafen"-Krise) als Erstes die vermeintlichen Nischenthemen gekürzt. Oder die Forschungsexperten werden nicht angefragt, wenn ein Wissenschaftsaufreger über den Nachrichtenticker kommt. Oder das Budget reicht nur noch für Häppchenrecherche. Oder in der Social-Media-Redaktion gibt es keine Forschungsfachleute. Manchmal bedroht sich der Wissenschaftsjournalismus auch selbst: Wenn er zu wenig über den Tellerrand schaut, wenn er in Corona-Zeiten sozialwissenschaftliche Ergebnisse etwa aus Bildungs- oder Ungleichheitsforschung übersieht. Missstände gibt es in Redaktionen, die am falschen Ende sparen (müssen). Vielmehr braucht die Wissenschaftskompetenz in den Redaktionen mehr Förderung denn je. Glücklicherweise gibt es auch positive Trends: Vermehrt wird in ressortübergreifenden Teams gearbeitet, und per Social Media werden Themenwünsche des Publikums aufgenommen. Fazit: Trotz herausfordernder Zeiten – es gibt Hoffnung.


Aus dem Programmheft, Ausgabe März 2021