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Gastbeitrag Wollen wir den Tod überwinden?

Von Prof. Dr. Thomas Macho

Prof. Dr. Thomas Macho (© Klaus Fritsche, Köln)
Prof. Dr. Thomas Macho (© Klaus Fritsche, Köln)

Unter diesem Motto verbindet das Forum neuer Musik das Thema Sterben und Tod mit post- und transhumanem Denken der Gegenwart. Sieben künstlerische und Wissensformate formulieren diverse Positionen dazu. Prof. Dr. Thomas Macho aus Wien hält die eröffnende Lecture.


Prof. Dr. Thomas Macho (*1952) war von 1993 an Professor für Kulturgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität und leitet seit 2016 das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) der Kunstuniversität Linz in Wien. 


Die Vorstellung vom persönlichen, unsichtbaren und intimen Tod ist erst in der Moderne aufgekommen. Mithilfe dieser Vorstellung wurde der Tod als ewiger Schlaf idealisiert. Sterben, Tod, Bestattung und Trauer wurden seit dem frühen 19. Jahrhundert zunehmend aus der Öffentlichkeit verdrängt. Der Tod avancierte tatsächlich zu einem Tabu, zur eminent "privaten" Angelegenheit. Die Zeit solcher Tabuisierung ist inzwischen längst wieder vorbei. Ein Beispiel: Zwischen 2001 und 2005 wurden fünf Staffeln der erfolgreichen US-amerikanischen Fernsehserie "Six Feet Under" ausgestrahlt. Die Serie handelte von der Familie Fisher und ihrem Bestattungsinstitut, das nach dem Tod des Vaters von den beiden Brüdern Nate und David weitergeführt wird. Der deutsche Untertitel dieser Serie – "Gestorben wird immer" – verschärfte noch den subtilen schwarzen Humor.

Ist der Traum vom ewigen Leben ausgeträumt? Wollen wir den Tod gar nicht überwinden? Der israelische Historiker Yuval Noah Harari erklärt in "Homo Deus" (2017) die Suche nach der Unsterblichkeit zum Spitzenprojekt auf der Agenda des 21. Jahrhunderts. Autor Don DeLillo hat dem Versprechen vom ewigen Leben in seinem Roman "Zero K" (2016) die dunkle Gestalt eines futuristischen Unsterblichkeitslabors an den Grenzen der bewohnten Welt verliehen, in dem sich Menschen einfrieren lassen, um Krankheit und Alter irgendwann in der Zukunft mithilfe neuester Medizintechnik überwinden zu können. Vielleicht ist die Moderne aber gar nicht das Zeitalter einer Verdrängung des Todes, sondern vielmehr des allmählichen Abschieds von der Unsterblichkeit. Im Jahr 1516 erschien der "Tractatus de immortalitate animae" des italienischen Philosophen und Humanisten Pietro Pomponazzi. In dieser Abhandlung verwarf Pomponazzi den Glauben an eine Unsterblichkeit der menschlichen Seele; er widersprach damit explizit Papst Leo X., der gerade erst auf dem 5. Laterankonzil von 1513 die Lehre von der Sterblichkeit der Seele verurteilt hatte. Pomponazzis Werk wurde 1562 in Venedig öffentlich verbrannt; davor war der Autor selbst nur knapp dem Prozess vor einem Kirchengericht entgangen. Der Kampf gegen die Unsterblichkeit richtete sich zentral gegen die Höllenangst; er erträumte die Emanzipation von der Herrschaft der Kirche. Darum schrieb auch Michel de Montaigne, wenige Jahre nach der Verbrennung des "Tractatus de immortalitate animae", ein Philosoph solle das Sterben lernen. Und er zitierte den Kentauren Cheiron, Sohn des Kronos und Halbbruder des Zeus, der die Gabe der Unsterblichkeit abgelehnt habe, gemäß der Warnung seines Vaters, der ihm gesagt habe: "Stell dir einmal ernsthaft vor, wieviel lästiger, ja unerträglicher als das von mir dem Menschen gegebene Leben ein ewiges wäre! Hättest du den Tod nicht, würdest du mich unablässig fluchend beschuldigen, ihn dir vorenthalten zu haben." Kronos und Montaigne haben recht: Nicht umsonst kämpfen wir heute gegen Silicon Valley und die Internet-Konzerne um das Geschenk der Endlichkeit – das Recht, vergessen zu werden. 


Aus dem Programmheft, Ausgabe April 2020