Geschädigte nennen Contergan-Entschuldigung "Heuchelei"

Opferverbände fordert konkrete Unterstützung

Eine Packung Contergan, ausgestellt im Deutschen Museum in München (picture alliance / dpa / Frank Leonhardt)
Eine Packung Contergan, ausgestellt im Deutschen Museum in München (picture alliance / dpa / Frank Leonhardt)

50 Jahre nach dem Skandal um das Schlafmittel Contergan hat sich der Hersteller Grünenthal erstmals entschuldigt. Opfer im In- und Ausland sind dennoch empört. "Wir erwarten Taten", sagte Ilonka Stebritz vom Verband der Contergangeschädigten in Deutschland.

Die Contergan-Opfer benötigten ganz konkrete Unterstützung, um ihren Alltag zu bewältigen, und diese Unterstützung werde von Grünenthal verweigert. In diesem Fall sei die Entschuldigung von Grünenthal eine leere Hülse und ein PR-Gag, so Stebritz weiter. Kritik kam auch von Opfervereinigungen in Australien, Großbritannien und Schweden. Der australische Interessenverband sprach von Heuchelei. Im Ausland wurde Contergan unter dem Namen seines Wirkstoffs Thalidomide verkauft.

Zwischen 1957 und 1961 war das Medikament als Beruhigungs- und Schlafmittel auf dem Markt. Weltweit wurden rund 10.000 Kinder mit Missbildungen geboren, deren Mütter in der Schwangerschaft Contergan zu sich genommen hatten. Eine typische Schädigung sind verkürzte Arme oder Beine. Im Contergan-Prozess, der 1970 mit einem Vergleich und der Einrichtung einer Stiftung durch Grünenthal endete, vermied die Firma ein Schuldeingeständnis. Noch 2006 ging sie juristisch gegen den WDR-Fernsehfilm "Eine einzige Tablette" vor, der den Skandal fiktional aufarbeitet.

Es sei höchste Zeit für aufrichtige Worte, sagen britische Opfer. "Zu einer aufrichtigen und echten Entschuldigung gehört auch, Fehler einzugestehen. Die Firma hat das nicht getan und damit wirklich die Opfer beleidigt", sagte Nick Dobrik von der Stiftung Thalidomide Trust in einem BBC-Interview. In einem Kommentar für das Online-Portal des Senders schreibt der Journalist Frederick Dove, selbst contergangeschädigt, die Entschuldigung von Grünenthal sei quasi wertlos: "Nahezu alles, was das Unternehmen in dieser Beziehung unternommen hat, ist blamabel."

Denkmal für die Opfer

Auch die Aufstellung eines Contergan-Denkmals in Stolberg bei Aachen, dem Firmensitz von Grünenthal, hatte Kritik von Opferverbänden hervorgerufen. "Das Geld für die Skulptur tut dem milliardenschweren Unternehmen sicherlich nicht weh", so Verbandssprecherin Stebritz. Um die Anliegen der Geschädigten bemühe sich Grünenthal indes nicht ernsthaft.

Konzernchef Harald Stock hatte bei der Einweihung um Entschuldigung dafür gebeten, dass seine Firma "fast 50 Jahre lang nicht den Weg von Mensch zu Mensch" zu den Geschädigten gefunden habe. "Wir bitten Sie", so Stock weiter, "unsere lange Sprachlosigkeit als Zeichen der stummen Erschütterung zu sehen, die Ihr Schicksal bei uns bewirkt hat." Er verwies auf gemeinsame Projekte mit den Betroffenen.


BBC Online über Contergan-Entschuldigung



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:57 Uhr