Geschichte der Atompannen

Von "kleineren" Groß-Störfällen, die kaum wahrgenommen wurden

Von Georg Ehring

Das Atomkraftwerk Harrisburg gerät im Jahr 1979 außer Kontrolle (AP)
Das Atomkraftwerk Harrisburg gerät im Jahr 1979 außer Kontrolle (AP)

Harrisburg und Tschernobyl - vor allem diese beiden Ortsnamen waren bisher als Schauplätze von schweren Unfällen und Katastrophen im Zusammenhang mit der Atomenergie bekannt. Doch vollständig ist die Liste damit bei Weitem nicht.

Seit Beginn der friedlichen Nutzung der Kernenergie gab es immer wieder mehr oder weniger schwere Unfälle - hervorgerufen durch Konstruktionsmängel, Defekte, Nachlässigkeit und Bedienungsfehler.

1951 wurde in den USA der erste Reaktor in Betrieb genommen, schon im nächsten Jahr, im Dezember 1952, gab es die erste partielle Kernschmelze im kanadischen Forschungsreaktor Chalk River. Der Reaktorkern wurde zerstört und Radioaktivität gelangte in Luft und Wasser. Die Anlage ging zwei Jahre später wieder in Betrieb.

Gewaltige Mengen Radioaktivität wurden im September 1957 bei einem katastrophalen Unfall im sowjetischen Mayak freigesetzt: In einem Tank für hoch radioaktiven Abfall gab es eine Explosion. Große Gebiete der Region wurden radioaktiv verseucht, trotzdem konnte die Katastrophe jahrzehntelang geheim gehalten werden.

Der britische Atomkomplex Windscale war Schauplatz mehrerer schwerer Atomunfälle. 1957 kam es zu einem Brand im Kern eines Reaktors für die Produktion von waffenfähigem Plutonium. Er wurde anschließend mit Wasser geflutet. Es entstand eine radioaktive Gaswolke, die über das europäische Festland zog. Der Ruf von Windscale wurde noch durch weitere Störfälle ruiniert, die Anlage wurde später in Sellafield umbenannt und existiert noch heute.

Auch in der Schweiz gab es bereits eine partielle Kernschmelze - glücklicherweise liegt der betroffene Reaktor Lucens in einer Felskaverne, die massiv verstrahlt wurde. Der Unfall in der Schweiz wurde auf der siebenteiligen INES-Scala der Internationalen Atomenergie-Behörde mit der Stufe vier bis fünf eingestuft - fast so hoch wie bei der Beinahe-Katastrophe im amerikanischen Harrisburg. Hier entwickelte sich durch technisches Versagen und Fehlbedienung im März 1979 eine explosives Gasgemisch, nur durch kontrolliertes Ablassen in die Umwelt konnte eine Explosion verhindert werden.

Tschernobyl steht für die bisher größte Katastrophe in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Atomkraft. Bei der Explosion des Reaktorgebäude wurde Radioaktivität in einem Umfang freigesetzt, der dem 200fachen der Hiroshima-Bombe entspricht. Mehr als 100.000 Menschen mussten umgesiedelt werden, wie viele Menschen an den Spätfolgen der Strahlung starben, wird wohl nie geklärt werden.

Auch in Japan hat es schon eine ganze Reihe von schweren Störfällen gegeben, oft im Zusammenhang mit Erdbeben. Im Jahr 1999 kam es in der Wiederaufarbeitungsanlage Tokaimura zu einer unkontrollierten Kettenreaktion, nachdem Arbeiter zu große Mengen angereicherten Urans in einen Tank gefüllt hatten.

Wie Fukushima in dieser Reihe einzuordnen sein wird, kann man noch nicht sagen. Zurzeit (13. März 2011) führt ihn die Internationale Atomenergiebehörde IAEA auf der Stufe 4 der siebenteiligen INES-Skala. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, den größten Teil der Radioaktivität im Reaktor selbst zu halten.

Anmerkung der Onlineredaktion: Inzwischen ist der Störfall Fukushima mit Tschernobyl gleichgesetzt und auf die höchste INES-Stufe 7 gesetzt worden.


Forschung Aktuell - Stichwort: Kernschmelze
Wie sicher sind Deutschlands Atomkraftwerke?

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr