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Geschichte eines Zitats

Ex-CIA-Chef Tenet erhebt schwere Vorwürfe gegen das Weiße Haus

Von Siegfried Buschschlüter

George Tenet rechnet mit dem Weißen Haus ab. (AP)
George Tenet rechnet mit dem Weißen Haus ab. (AP)

Der ehemalige CIA-Chef George Tenet hat der US-Regierung vorgeworfen, eine Äußerung von ihm zur Begründung des Irak-Krieges missbraucht und damit sein Ansehen ruiniert zu haben. Eine Anmerkung, die er im Dezember 2002 über vermutete Massenvernichtungswaffen im Irak gemacht habe, sei aus dem Zusammenhang gerissen und verzerrt wiedergegeben worden, um den Krieg zu rechtfertigen.

Als George Tenet am 3. Juni 2004 seinen Rücktritt bekannt gab, führte er dafür ausschließlich private Gründe an. Er wolle mehr Zeit mit seiner Frau und seinem Sohn verbringen. Von einem Zerwürfnis mit dem Weißen Haus war damals nicht die Rede.

Jetzt, knapp drei Jahre später, spricht der ehemalige CIA-Chef von einem offenen Bruch und führt bittere Klage darüber, wie das Weiße Haus ihn fallen gelassen habe. Das tue man nicht. Menschen mit Ehrgefühl würden nicht einfach jemanden über Bord werfen als Ablenkungsmanöver, so Tenet gestern Abend im Interview mit CBS.

Was den Ex-Geheimdienstchef so in Rage bringt, ist, dass eine Äußerung von ihm aus dem Zusammenhang gerissen wurde, ein Zitat, das ihn dumm aussehen ließ. Verabscheuungswürdig sei das gewesen. Das Zitat, das längst zum geflügelten Wort geworden ist und die Haltlosigkeit der Behauptungen über Massenvernichtungswaffen im Irak symbolisiert, wurde zum ersten Mal in Bob Woodwards Buch "Plan of Attack” erwähnt. Da hatte Tenet nach einer Präsentation von Beweisen für das Vorhandensein derartiger Waffen im Irak auf eine Frage von Präsident Bush, ob dies alles sei, geantwortet: "Keine Sorge, die Sache ist todsicher”. "It's a slam dunk”, ein Begriff aus dem Basketball, wenn der Ball von oben in den Korb geschmettert wird.

Diese Versicherung seines Geheimdienstchefs sei für ihn sehr wichtig gewesen, so Bush gegenüber Woodward. Und auch Vizepräsident Cheney, der bei dem Termin im Oval Office am 21. Dezember 2002 dabei war, berief sich später auf diesen Spruch des CIA-Direktors, wie hier im Interview mit NBC zum fünften Jahrestag der Anschläge vom 11. September.

Den Eindruck, der in Woodwards Buch vermittelt und durch Cheney bekräftigt wurde, dies sei einer der entscheidenden Augenblicke für Bush in seiner Kriegsbegründung gewesen, weist Tenet entschieden zurück. Dass seine Äußerung den Präsidenten in Bezug auf die Legitimität oder Zeitplanung des Krieges beeinflusst habe, das glaube er nie im Leben. Was also wollte er mit seiner sportlichen Metapher wirklich sagen? Dass wir die Dinge besser präsentieren können, darum sei es gegangen.

Im Dezember 2002 ging es der Bush-Administration in der Tat vor allem darum, Zweifel an den Beweisen für die Massenvernichtungswaffen im Irak herunterzuspielen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen. Im Dezember 2002 war die Kriegsentscheidung längst gefallen.

Das bestätigte kürzlich auch der damalige CIA-Chef für Europa, Tyler Drumheller. In einem Vortrag über sein Buch "On the Brink” verwies er Ende letzten Jahres darauf, dass die Bush-Administration bereits im Februar/März 2002 begonnen habe, Mittel und Truppen aus dem Afghanistan-Krieg abzuziehen und nach Irak zu verlegen. Die Diskussionen im Frühjahr und Sommer 2002, so Tenet, hätten sich immer damit befasst, wie man einen Krieg gegen Irak führen solle, nie damit, ob man das tun solle.

Nun ist es nicht die Aufgabe von Geheimdienstchefs, politische Entscheidungen zu treffen, dennoch muss sich Tenet fragen lassen, ob er und seine Mitarbeiter nicht mit ihren als Glaubenssätzen formulierten Einschätzungen über das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen im Irak den Kriegskurs von Bush und Cheney unterstützt haben. Tenets Rechtfertigung gestern im CBS-Interview war alles andere als überzeugend. Es habe viele technische Daten gegeben; das reiche zwar als Beweis in einem Strafverfahren nicht aus, aber vielleicht in einem Zivilprozess.

Darauf der Interviewer, Scott Pelley: "Aber hier ging es doch um Krieg." Mit anderen Worten, um eine todsichere Sache.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:22 Uhr

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