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Giannis Boutaris - der etwas andere Bürgermeister

Nahaufnahmen aus Griechenland: Besuch beim Ortsvorsteher von Thessaloniki

Von Andrea Mavroidis

Thessalonikis Bürgermeister Giannis Boutaris und sein Stellvertreter (Deutschlandradio - Andrea Mavroidis)
Thessalonikis Bürgermeister Giannis Boutaris und sein Stellvertreter (Deutschlandradio - Andrea Mavroidis)

Giannis Boutaris, Bürgermeister von Thessaloniki, pflegt einen Politikstil, den Griechenland bislang nicht kannte. Sein Rezept: Er nimmt seine Bürger ernst. Unsere Reporterin Andrea Mavroidis hat ihn beobachtet und die getroffen, die mit ihm zusammenarbeiten.

In der großen lichten Bürger Halle von Thessaloniki verhandeln heute die Stadtverordneten über streunende Hunde, über einen Vorstadtwald und über die Idee des Bürgermeisters, Straßen nach den einst hier lebenden türkischen Bewohnern der Stadt zu benennen. Über Letzteres bricht sogleich ein lautstarker Streit aus. Der am Rednerpult stehende Bürgermeister Giannis Boutaris muss sich unliebsamen Fragen stellen. Die Szene wird von Kameras eingefangen und die gesamte Sitzung auf dem Rathaus eigenen Kanal live übertragen.

Man mag es finden, wie man will, aber das ist sein Bestseller: Politik so transparent wie möglich zu machen, sagt der Radiojournalist Sotiris Kyriakidis.

"Das gläserne Rathaus, nichts kann mehr hinter verschlossenen Türen beschlossen werden. Wir Journalisten wissen Bescheid, aber auch der Bürger kann jetzt hautnah miterleben, was in der Stadt und in der Politik passiert."

Boutaris ist Kettenraucher, während der Ratsversammlung steht er immer wieder auf, um kurz auf der Terrasse ein paar Züge von seiner Zigarette zu nehmen. Er hat eine rauchige Stimme, trägt immer einen Ohrring, Hosenträger und ist tätowiert. Und obwohl er so gar nicht in das Profil eines griechischen Politikers passt, kann er Menschen einfach durch seinen offenen Politikstil und seine Ideen begeistern und vor allem davon überzeugen, etwas zu tun, woran sie im Traum nicht gedacht hätten.

Ich wollte nie Politiker in Griechenland werden, das konstatiert der Vizebürgermeister Spiros Pengas, ein quirliger Mittdreißiger, der in München Politik studiert hat.

"Aber Boutaris hat mich überzeugt, diesen Schritt zu tun. Er gehört zu keiner Partei, er redet keinen nach dem Mund. Er ist unabhängig in seinen Entscheidungen. Auch ich gehöre keiner Partei an, es gibt keine alten Seilschaften, keine Vetternwirtschaft, so wie das bislang in Griechenland üblich war, um Politiker zu werden. Ich glaube, dass der Politikertypus Boutaris, Modellcharakter für die Zukunft Griechenlands hat und die alte Garde ablöst."

Gemessen wird Boutaris an seinen Taten. Er schlägt unkonventionelle Wege ein. Er hat das Kapital seiner Stadt erkannt, er blickt auf die lange Geschichte der Hafenmetropole, wo einst Juden, Armenier, Türken und Griechen in friedlicher Koexistenz lebten. Mit eben dieser kosmopolitischen Vergangenheit blickt er in die Zukunft, will er den Tourismus wieder ankurbeln, denn das bedeutet Wachstum in Zeiten der Krise. Er reist nach Israel, Moskau und in die Türkei.

Inzwischen landen hier Flieger aus Tel Aviv, Istanbul und Moskau, dass sind drei neue Märkte, sagt auch der für Tourismus zuständige Vizebürgermeister Pengas, diese neuen Märkte sind sehr wichtig für uns, die haben Potenzial.

"Wir arbeiten Hand in Hand, der Bürgermeister reist, macht die Kontakte und wir seine Mitarbeiter füllen das Ganze mit Inhalt. Und was sehr wichtig ist, wir machen hier nicht mehr diese Politik, die nur kurzfristig denkt, wir treffen Entscheidungen und entwickeln Projekte, die für mehrere Jahre tragfähig sind."

Ein solches langfristiges Projekt ist die Bekämpfung der Jungendarbeitslosigkeit. Bürgermeister Giannis Boutaris hat deshalb in sein Büro geladen. Zu Gast ist heute eine Delegation des Europäischen Zentrums für die Förderung der Berufsbildung kurz CEDEFOP. Das Zentrum unterhält schon seit einigen Jahren ein Büro in Thessaloniki. Bürgermeister Boutaris nimmt auch hier kein Blatt vor dem Mund, fasst seine Landsleute hart an, er beschönigt nichts. Diese Offenheit schätzt auch Gerd Bausewein, Pressesprecher des Zentrums CEDEFOP in Thessaloniki und langjähriger Bürger dieser Stadt.

"Er geht auf Gruppen, Experten auf Institutionen zu beziehungsweise er regiert nicht von oben herab, er bezieht die Bürger ein, er schaut, welche gesellschaftlichen Träger gibt es in meiner Stadt. Wie können wir uns in dieser schwierigen Situation vernetzen. Das ist seine Hauptleistung: In dieser Krise sehe ich eine Chance, es bewegt sich viel in Thessaloniki. Sein Plädoyer ist ja, wir müssen unsere Mentalität ändern und das zieht sich durch wie ein roter Faden. Er sagt das nicht einfach so, er glaubt das wirklich."


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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr