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Gorbi hier - Verräter dort

"Podium" zum 80. Geburtstag von Michail Gorbatschow

Der ehemalige sowjetische Staatschef Michael Gorbatschow   (picture alliance / dpa)
Der ehemalige sowjetische Staatschef Michael Gorbatschow (picture alliance / dpa)

Für uns Deutsche gilt Michail Gorbatschow als der Mann, der die Wiedervereinigung erst ermöglichte. Seiner Sowjetunion ebnete er die Öffnung gen Westen - doch geliebt wird er zuhause bis heute nicht.

Tschaikowskis Schwanensee war für viele Sowjetbürger eine Hoffnungsmelodie. Erklang die Melodie anstelle des normalen Radio- und Fernsehprogramms, war wieder einer der Parteiführer gestorben, wuchs die Hoffnung auf Michail Sergejewitsch Gorbatschow, den - gemessen an den Greisen im Politbüro und Zentralkomitee - jugendlichen Helden. Doch nach Breschnew mussten noch Andropow und Tschernenko sterben, erst dann, mit 54 zog der Landwirtschaftssekretär aus Stawropol in den Kreml ein. So sehr ihn die Menschen herbeisehnte, so sehr wird er heute in seiner Heimat beschimpft:

"Gorbatschow? Gorbatschow ist ein Verräter. Erschießen sollte man ihn. Er hat sich verkauft, das Land und uns. Wir wünschen ihm den Tod, einen schrecklichen Tod."

Viele seiner russischen Verehrerinnen kennt er vermutlich persönlich, so wenige sind es. Mit der Menschenrechtsaktivistin Ludmila Alexejewa, die aus Breschnews Sowjetunion floh, um nicht im Gulag zu landen, verbindet ihn tatsächlich tiefe Freundschaft. Die heute 84-Jährige liebt den Begründer von Glasnost und Perestroika fast wie eine Deutsche.

"Ihm muss man noch zu Lebzeiten ein Denkmal setzen. In doppelter Lebensgröße. Dafür, dass er den Fall der Mauer zuließ. Ich saß in New York und weinte vor Freude. Das waren endlich nicht mehr nur Worte sondern Taten! Das war der Anfang vom Ende des sowjetischen Imperiums! Zum Teufel mit dem Imperium! Ich will kein Imperium, sondern dass wir ein demokratisches Land werden."

"Er ist aus einem maßgeschneiderten, wenngleich sehr intelligenten Apparatschikfunktionär, zum Demokraten geworden."

… sagt der Autor György Dalos, der den Jubilar zu dessen 80. Geburtstag jüngst in einem Buch porträtierte.

"Wobei seine wirkliche Absicht war, dieses sowjetische System als solches über die Zeiten zu retten."

Gorbatschow wollte das Land modernisieren und musste dafür das Wettrüsten mit den USA beenden.

Der Sympathieträger vermochte es, dass sich das Bild von der UdSSR als Reich des Bösen, als Feind im Osten wandelte. Doch zwischen Kaliningrad und Wladiwostok ging es bergab. Der einstige Getreideexporteur konnte seine Bürger nicht mehr ernähren, in den Regalen der Geschäfte herrschte gähnende Leere. Nicht wegen Gorbatschow. Der hatte das Land übernommen, als die Wirtschaft bereits zerrüttet am Boden lag. Mit jedem Monat, den die Sowjetbürger auf das bessere Leben warteten, wuchs ihre Wut auf ihn, die sie noch nicht einmal betäuben konnten, denn der Generalsekretär hatte dem trinkfreudigen Volk Wasser statt Wodka verordnet und sich vom generalny zum mineralny Sekretär gewandelt.

Als ihn die engsten Vertrauten im August 1991 wegzuputschen versuchten, erklang wieder Schwanensee. Doch noch musste Gorbatschow nicht gehen, Jelzin war zu Hilfe geeilt. Gorbatschows Not war Jelzins Sternstunde. Der erste Präsident Russlands fegte den letzten Präsidenten der Sowjetunion hinfort. Nach nur sechs Jahren aus dem Amt. Heute gelten beide als die Totengräber der Sowjetunion.

"Ich höre das jetzt 20 Jahre lang. Halten sie doch ein öffentliches Tribunal ab. Hängen Sie mich auf. Nur bitte, wenn sie das schon tun, dann bitte nicht für das, was Jelzin angerichtet hat. Und bitte, wenn Sie mich aufhängen wollen, dann bitte weit von Jelzin entfernt!"

Auf Jelzin, den er nun schon das vierte Jahr überlebt hat, fühlt er pathologischen Hass. Dabei kann sich Gorbatschow längst beruhigt zurücklehnen: Seinen Platz in der Geschichte kann ihm der ewige Rivale nicht streitig machen, denn ohne Gorbatschow wäre Jelzin nie Präsident eines souveränen Russlands geworden, erinnert der Historiker Helmut Altrichter.

"Die wichtigere Figur ist ganz sicher Gorbatschow, weil der Prozess, der dann zu der Auflösung der Bipolarität der Welt führt, nicht von Jelzin, sondern von Gorbatschow angestoßen worden ist. Das Verdienst von Gorbatschow ist, dass er diesen Prozess auch hat weiterlaufen lassen. Das ist, glaube ich, sein Verdienst, des sozusagen gelernten Demokraten, der er dann geworden ist."

Ein Demokrat, indem bis heute etwas Kommunistisches in den Knochen stecken blieb. Jedoch wäre ihm ein Verbot der KPdSU, wie Jelzin es 1991 für Russland verhängte, nie in den Sinn gekommen, zu sehr fürchtete der harmoniebedürftige letzte Parteichef eine Hatz auf die 26 Millionen Mitglieder damals. Anders als es nach Jelzin Putin tat, will Gorbatschow die Presse nicht knebeln. Dennoch sind seine Vorstellungen von der vierten Gewalt in einer Demokratie durchaus überdenkenswert.

"Mitunter spitzt die Presse die Dinge zusätzlich zu. Manches Problem muss man erklären, damit es verstanden wird. Die Presse sollte nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen, anstatt auf die Freundschaft der Völker hinzuwirken."

Das sagte ausgerechnet der heutige Mitbesitzer der letzten unabhängigen russischen Zeitung, der Nowaja Gaseta, für die auch Anna Politkowskaja schrieb.

Ungerecht und undankbar findet der heute 80jährige, der Millionen Menschen westlich der Sowjetunion in Osteuropa und Deutschland ein glücklicheres Leben bescherte, ungerecht findet er nicht nur seine Landsleute, sondern auch den Westen.

"Es war erstaunlich und auch enttäuschend, dass während der Jelzin-Jahre, als das Land darniederlag, Gehälter nicht gezahlt wurden, die Industrieproduktion um die Hälfte zurückging, Europa zusah und sich offensichtlich daran erfreute."

Der oft als wankelmütig Gescholtene kannte glücklicherweise bei der Wiedervereinigung kein Zögern. Ein Volk könne man nicht auf Ewigkeit für seine Geschichte bestrafen, befand der Mann, der für die meisten Deutschen immer noch Gorbi ist.

Thema 2011: Gorbatschow hatte "eine enorme Kommunikationsfähigkeit" - György Dalos über seine Biografie "Gorbatschow. Mensch und Macht" zu dessen 80. Geburtstag

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Interview von 2009: "Die deutsche Presse ist die bösartigste überhaupt" - Michail Gorbatschow kritisiert Medien im Umgang mit Russland

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr

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