Hacker attackieren kremlkritische Webseiten

Russen wählen ein neues Parlament

Von Robert Baag

Der Kreml auf dem Roten Platz in Moskau (dradio.de)
Der Kreml auf dem Roten Platz in Moskau (dradio.de)

Mit einer Premiere der ganz besonderen Art werden diese Dumawahlen heute ein kleines Stück Geschichte schreiben. Zum ersten Mal sind verschiedene regierungskritische Internetseiten Opfer von bislang unbekannten Hackerangriffen geworden und können nicht aufgerufen werden.

Davon betroffen ist auch die unabhängig berichtende Radiostation "Echo Moskvy". Deren Chefredakteur Alexej Venediktov will sich wehren, gibt sich am Vormittag im eigenen Sender zuversichtlich:

"Der Angriff auf unsere Website erfolgte um 6 Uhr 40. Wir haben die Zuständigen bereits darüber informiert. Es besteht überhaupt kein Zweifel für Sie und für mich, dass die Attacke damit zu tun hat, dass wir über die Wahlen und über Verstöße gegen das Wahlreglement berichten. Wir werden diese kleinen Missgeburten fangen und bestrafen."

Auch die Homepage von GOLOS ist lahmgelegt. Dies ist die einzige Organisation unabhängiger russischer Wahlbeobachter, die von Premierminister Putin jedoch schon vor einer Woche öffentlich als vom Ausland bezahlte "Judasse" beschimpft worden sind. Trotz aller Behinderungen versucht GOLOS heute weiterzuarbeiten, bestätigt Sprecherin Olga Novosad:

"Allein bis heute Mittag haben wir ca. 400 Telefonanrufe auf unserer Wahl-Hotline bekommen, die bis jetzt störungsfrei arbeitet. Viele Menschen im Land sind aktiv, rufen weiter an und melden Verstöße bei den Wahlen. In unserem Pressezentrum machen wir immer neue Briefings für Journalisten. Aber aus einigen Regionen wird schon berichtet, dass man unseren Korrespondenten den Zutritt in die Wahllokale verweigert."

Einen - so wörtlich - "schmutzigen Wahlkampf" hatten nicht wenige Bebachter vorausgesagt, denn allen zumindest inoffiziellen Prognosen zufolge wird die Putin- Partei "Geeintes Russland", die in der noch amtierenden Duma über eine komfortable, verfassungsändernde Zweidrittel-Mehrheit verfügt, mit erheblichen Stimmenverlusten rechnen müssen. Die Nervosität bei der sogenannten "Partei der Macht" ist fast mit den Händen zu greifen.

Schmuddelig ist an diesem Sonntagmittag in Moskau vor allem das Wetter: Grau in Grau, trüb, nasskalt, immer wieder mal Schneeregen-Schauer. Das aber hält den 31-jährigen Filmtechniker Dima - anders als seine betagte Großmutter - nicht davon ab, trotzdem in das Wahllokal in der Schule Nr. 124 zu gehen und seinen Stimmzettel in die Urne zu werfen:

"Für 'Geeintes ..', oh, entschuldigen Sie, die Liberaldemokraten hab ich gewählt", kommt er zunächst ins Stottern. "Vorher hab ich das nie gemacht. 'Geeintes Russland' will ich nicht mehr wählen. Denen glaube ich nicht mehr."

Aus reinem Protest gebe er deshalb diesmal der LDPR, der Partei des lauten Rechtspopulisten Vladimir Shirinovskij, seine Stimme. Im Verlauf einer halben Stunde bekennt sich ein Einziger, der aber seinen Namen nicht nennen möchte, zu Putins Partei: Weil sein Kind ihm dazu geraten habe - dem gefalle Putin eben, grinst er, ihm aber auch.

Für "Jabloko", die Partei des Grigorij Javlinskij, des sozialliberalen Urgesteins aus der Jelzin-Ära der 90er-Jahre hat dieses ältere Ehepaar gestimmt. Putins "Geeintes Russland" werde Stimmen verlieren, ist sich die Frau sicher. Denn, ergänzt ihr Mann: "Dort gab es mehr Worte als Taten."

Die ehemalige Lehrerein Valentina schließlich wählt diesmal die Sozialisten von "Gerechtes Russland". Sie sei enttäuscht von "Geeintes Russland". Aber gewinnen, sagt sie, werden die allemal. Eigentlich aber müßten sich doch auch andere Kräfte an der Regierungsarbeit beteiligen können.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:46 Uhr