Hiba Obaid

Social Media ermöglichen Ziviljournalismus

16.12.2019, Berlin, Germany, Portraitfotos Hiba Obaid.  (Deutschlandradio / Christian Kruppa)
(Deutschlandradio / Christian Kruppa)

Viele Journalistinnen und Journalisten glauben immer noch nicht daran, dass Social Media für Veränderungen sorgen können. Bei mir ist es ganz anders. Mit dem Beginn der Aufstände gegen Assad haben wir ein Netzwerk von Gleichgesinnten an der Universität gegründet. Wir verteilten Flugblätter, auf denen wir das Regime anklagten.

Von Aleppo nach Berlin

Als die Revolution in Aleppo begann, waren Social Media die einzigen Plattformen, auf denen wir Nachrichten lesen und Videos veröffentlichen konnten, in denen zu sehen war, wie wir täglich unter Beschuss standen. Über Facebook haben meine Kolleginnen und Kollegen und ich mehrere Streiks und friedliche Demonstrationen koordiniert. Ja, ich glaube, dass Social Media die wichtigsten Orte sind, an denen der Ziviljournalismus entstanden ist. Durch Social Media begann ich meine journalistische Karriere. Ich habe damals, während der Revolution in Syrien, viele Artikel unter einem Pseudonym veröffentlicht. In dieser Zeit verschwand ein Freund von mir und wir machten uns alle Sorgen. Als er einige Zeit später aus dem Gefängnis kam, flehte er uns an, mit dem Schreiben aufzuhören, denn sonst, das hatte man ihm eingetrichtert, würden sie uns alle mitnehmen und dann käme niemand mehr zurück. Der regimetreue Journalistik-Studiengang an der Universität Aleppo kam für mich nicht infrage. Ich studierte Arabische Literatur, das hatte zumindest auch mit Ausdruck und Sprache zu tun. Ende 2012 fuhr ich in den Libanon und arbeitete beim Kultursender Radio "Al Aan FM". 2013 zog ich in die Türkei und begann mit der Arbeit bei der IMC Humanitarian Organization, wo ich als Trainerin für Frauen zum Thema "Wie man mit Gewalt umgeht" arbeitete, Gewalt, der sie täglich in den syrischen Lagern nahe der türkischen Grenze ausgesetzt waren.

Traumjob gefunden

Ende 2015 kam ich nach Berlin und es war für mich der Beginn meiner eigentlichen journalistischen Karriere unter meinem echten Namen. Ich begann, viele Artikel auf Englisch zu schreiben, die ins Deutsche übersetzt wurden. Ich habe ein Volontariat beim crossmedialen Sender Alex Berlin abgeschlossen und arbeite seit Herbst 2018 als Social-Media-Redakteurin bei Deutschlandfunk Kultur. Der Alltag im Büro ist für mich eine neue Herausforderung. Jeder Tag ist ein neuer Tag, um etwas Gutes zu schaffen. Manchmal, wenn ich am Ende des Tages im Büro sitze, denke ich an einen Tag in Aleppo zurück. Ich saß in meinem Zimmer und sah den Film "Good bye, Lenin!". Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich fünf Jahre später selbst in Berlin sein und meinen Traumjob haben würde.


Hiba Obaid,
Social-Media-Redakteurin 
Deutschlandfunk Kultur


Aus dem Programmheft, Ausgabe Februar 2020