Gastbeitrag /

 

„Ich bin also bereit, sofort hier zu provozieren.“

Von Julia Mihály

Julia Mihály (© Ela Mergels)
Julia Mihály (© Ela Mergels)
Julia Mihály (*1984) bewegt sich an den Schnittstellen von Neuer Musik, Performance Kunst und elektroakustischer Musik. Die Verknüpfung performativer Bewegungsabläufe mit Live-Elektronik steht im Fokus ihrer Performances. Julia Mihály war zu Gast beim Heroines of Sound Festival Berlin, RADIALSYSTEM V, Berghain, in der Suntory Hall Tokyo, La Biennale Musica di Venezia, SPOR Festival, auf der Ruhrtriennale, dem Zeitkunst Festival Rio de Janeiro, den Opernfestspielen der Bayerischen Staatsoper, am NTU Centre for Contemporary Arts Singapore und bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt. Sie ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Elektroakustische Musik (DEGEM) und unterrichtet an der HfMDK Frankfurt.

Kunstschaffende haben grundsätzlich mit ihren Werken die Möglichkeit, Aufmerksamkeit gezielt auf gesellschaftliche Tendenzen zu lenken und für relevante Themen zu sensibilisieren. In welchem Ausmaß sie davon Gebrauch machen, ist zum einen vom Grad individueller Ausdrucksbedürfnisse und zum anderen von generationsimmanenten Faktoren abhängig, wobei ersterer Aspekt nicht losgelöst von letzterem zu betrachten ist. In einer Generation, die sich im Umfeld eines gesellschaftspolitischen Umbruchs befindet, wird die Notwendigkeit, zu aktuellen Ereignissen oder Strömungen Stellung zu beziehen und damit ihre eigene Kunst in gewisser Weise zu politisieren, möglicherweise als wesentlich dringlicher empfunden als in einer Generation, die sich in einem Gefühl von politischer Zufriedenheit und Richtigkeit wähnt. Dazu gehört auch das Selbstverständnis des Künstlers als Subjekt gesellschaftlicher Verantwortung, das versucht, sich im Rahmen seiner Kunst temporär aus der Gesellschaft herauszunehmen, um aus einer objektiven Beobachter-Perspektive operieren zu können. Die Tragweite künstlerischer Stellungnahmen ist abhängig von der individuellen künstlerischen Verortung innerhalb einer Kunst- oder, in unserem Fall, Musikszene und ihrer öffentlichen Breitenwirkung.

Die Neue-Musik-Szene eingrenzend als Nischen-Biotop, das weitestgehend aus Spezialisten, akademischen Auszubildenden und gebildetem Fachpublikum besteht, befindet sich jenseits der Mainstream-Unterhaltungsindustrie in der Peripherie öffentlicher Wahrnehmung. Innerhalb der Neuen Musik ist es Usus, gesellschaftliche Prozesse zu reflektieren, zu abstrahieren und in musikalische Strukturen und ästhetische Positionen zu übersetzen. Eine Dechiffrierung solcher kompositorischer Sprachen ist jedoch kaum ohne Vorbildung und spezifisches Fachwissen realisierbar.

Die Möglichkeit, sich jenseits massenmedialer Abhängigkeitsverhältnisse des Unterhaltungsmarktes zu bewegen, begünstigt zwar die Freiheit, sich in kompositorisch komplexen Formen ausdrücken zu können. Dennoch nimmt sie sich durch diese intellektuelle Abgrenzung die Chance, ihr Publikum jenseits des Fachspezialistentums zu erreichen. Gesellschaftsrelevante, reflektierende Impulse sind in der Neuen Musik im Laufe der letzten fast 70 Jahre durchaus zentral. Gerade mit Blick auf die aktuell junge Komponistengeneration muss jedoch weniger die Frage gestellt werden, ob Neue Musik gesellschaftliche Entwicklungen überhaupt spiegelt, sondern vielmehr, inwiefern solche künstlerischen Statements über den Aufmerksamkeitsradius der Neue-Musik-Szene hinaus umgekehrt eine öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Aktuell kennzeichnen sich Musikprojekte, die reflektierend in einen gesellschaftlichen Diskurs einsteigen wollen, durch interdisziplinäre Ausdrucksformen aus den Bereichen Medienkunst, bildende Kunst und Performance. Sie profitieren damit von einem erweiterten Spektrum an Narrationsmöglichkeiten. Gleichzeitig ergibt sich dadurch die Perspektive, ein Publikum über die Grenzen der Neue-Musik-Szene hinaus zu erreichen.

Meines Erachtens genießen wir als Künstlerinnen und Künstler mit den uns zur Verfügung stehenden Ausdrucksmöglichkeiten nicht nur das Privileg, sondern auch die Verantwortung, für gesellschaftliche Entwicklungen zu sensibilisieren. Oder mit den Worten von Joseph Beuys: "Ich will das Bewusstsein der Menschen erweitern. Ich will es vor allem ausweiten, auf die reale, politische Situation (…). Ich bin also bereit, sofort hier zu provozieren."


Aus dem Programmheft, Ausgabe April 2018

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