In der Hand der Endverbraucher

Das Bürgermodell in Markt Schwaben

Von Michael Watzke

Nach der Wärme soll langfristig auch der Strom in Markt Schwaben aus eigener Produktion stammen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Nach der Wärme soll langfristig auch der Strom in Markt Schwaben aus eigener Produktion stammen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Unabhängig von steigenden Ölpreisen und monopolistischen Stromriesen. Ein Traum für jeden Stromabnehmer. Eine Gemeinde in Oberbayern setzt auf ein Bürgermodell, um eigene Geothermie-Projekte zu fördern. Doch das Vorhaben läuft nur langsam an.

Genau genommen steht Hans-Ludwig Haushofer auf einem brodelnden Wasserkochtopf. Etwa 2800 Meter unter dem Bau-Ingenieur aus dem bayerischen Markt Schwaben schlummert ein Molassebecken mit 80 Grad heißem Wasser. Diesen geothermischen Wärme-Speicher möchte Haushofer anbohren, um damit zu heizen.

"Das Wasser wird über Wärmetauscher in die Haushalte gebracht. Auch in Gewerbebetriebe und Industriegebiete. Dann muss man das etwas abgekühlte Wasser natürlich wieder in die Tiefe zurückpumpen. Das heißt, in einer zweiten Bohrung wird es wieder nach unten gedrückt. Und dann wird es über diesem Molassebecken wieder erwärmt."

Dieser Heizwasser-Kreislauf wäre umweltfreundlich und würde nie versiegen, sagt Haushofers Kollege Anton Hiermaier. Allerdings verlangt das Geothermie-Projekt mehr Investitionen, als die kleine Gemeinde stemmen kann:

"Wir sprechen ungefähr von Investitionskosten von 32 Millionen Euro. Also ein Drittel Eigenkapital und ca. 20 Millionen Fremdkapital. Wenn man das finanziert, rechnen wir mit einer möglichen Rendite von drei bis fünf Prozent."

Finanzieren sollen es aber keine Stromkonzerne. Sondern die Bürger von Markt Schwaben selbst. Im "Bürgermodell Geothermie". Die Einwohner seiner Heimatstadt sollen ihre Energieversorgung endlich selbst in die Hand nehmen, sagt Hans-Ludwig Haushofer, Mit-Initiator der Interessengemeinschaft "Pro Geothermie".

"Wenn der Bürger Geld gibt und sieht, dass mit seinem Geld im Ort gegraben wird und dass mit seinem Geld ein Gebäude entsteht, wo Wärme produziert wird – dann ist eine gewisse Verbundenheit da. Man kann das vielleicht mit einer Patenschaft vergleichen. Der Bürger ist dann Bauherr und freut sich, wenn es vorwärts geht."

Bisher geht noch nicht viel vorwärts. Dem "Bürgermodell Geothermie" fehlen die Bürger, die mit einer vier- bis fünfstelligen Summe Gesellschafter werden wollen. Zu unklar ist den Bürgern bisher das Geschäftsmodell. Zu groß das Risiko bei einer vergleichsweise mageren Rendite von drei Prozent. Im nahegelegenen Sauerlach ist eine Geothermie-Bohrung schiefgegangen. Die Stadtwerke München haben dort eine Menge Geld verbohrt. Trotzdem betont Markt Schwabens frischgewählter SPD-Bürgermeister Georg Hohmann die Chancen für die Gemeinde:

"Dass man dran beteiligt ist. Dass man selbst bestimmen kann, wie viel es kostet. Dass man eine Energieversorgung hat – zumindest mal im Wärmebereich -, die man selbst in der Hand hat. Und das Ziel ist, dass Markt Schwaben ... "autark" wäre vielleicht ein bisschen zu weit gegriffen, aber ziemlich nahe an das herankommt."

Unabhängig von steigenden Ölpreisen und monopolistischen Stromriesen. Ein Traum für jeden Stromabnehmer. Bürgermeister Hohmann will als Erstes ein drei Kilometer langes Rohrleitungs-System bauen lassen. Kostenpunkt drei Millionen Euro. An dieses Netz sollen die größten Wärmeverbraucher von Markt Schwaben angeschlossen werden.

"Wir haben das Gymnasium, die Realschule, die Hauptschule. Und diese Liegenschaften sind alle sehr eng beieinander, sodass wir mit wenigen Metern relativ schnell ein Nahwärmenetz aufstellen können. Wie es dann hinterher aussieht mit Geothermie oder was wir dann hinterher alles dranbringen an erneuerbaren Energien, das ist der zweite Schritt."

Dieser zweite Schritt könnte statt Geothermie auch Solar-Energie sein. Denn in Markt Schwaben gibt es ein weiteres Bürgermodell: die Genossenschaft "Bürger-Energie" setzt auf Photovoltaik. Anders als Geothermie sind Solarpanels auf Häuserdächern erprobt, das unternehmerische Risiko ist kalkulierbar. Die Genossenschaft Bürger-Energie hat bereits 30 Mitglieder mit mehr als 200.000 Euro Kapital. Als Erstes haben die Genossenschaftler eine Solardach-Anlage gebaut, so groß wie ein Basketballfeld. Hans-Ludwig Haushofer, der Geothermie-Vorkämpfer, ist auch dort Genossenschaftler:

"Wir werden uns sicher nicht gegenseitig das Wasser abgraben. Wir haben einen sehr guten Kontakt zu der Bürger-Energie. Wir werden alle Aktionen miteinander abstimmen. Vielleicht gibt's auch Modelle, wo die Genossenschaft hier in das Bürgermodell mit einsteigt."

Die rechtlichen Voraussetzungen dafür hat die Genossenschaft Bürger-Energie bereits geschaffen. In einer Generalversammlung erweiterten die 30 Mitglieder ihre Satzung auf weitere Projekte im Bereich erneuerbarer Energien. Das können auch Biomasse-Kraftwerke oder Windräder sein. Schon in wenigen Jahren sollen die Investitionen Gewinne abwerfen. Der Atomausstieg und die hohen Energiepreise kommen der Bürger-Genossenschaft dabei entgegen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

"Energiewende ist Knochenarbeit. Ich denke, dass da viel Aufklärungsbedarf da ist bei den einzelnen Bürgern, um das richtig zu kommunizieren."

Richtig kommunizieren – das heißt im Fall des Bürgermodells Geothermie in Markt Schwaben vor allem eines: ganz altmodisches Klinkenputzen.


Mehr zur Serie:

Serie Wende wohin? - Die Zukunft des deutschen Energiemarktes

Zu hören wochentäglich vom 15. bis 24. August 2011 im Deutschlandfunk in der Sendung "Wirtschaft und Gesellschaft" ab 17:05 Uhr

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr