Landeskorrespondenten /

 

In der Tschüssfreien Zone

Berichte aus Bayern

Als Radio der Länder unterhalten wir Korrespondentenstudios in allen 16 Landeshauptstädten und am Finanzstandort Frankfurt/Main. Unsere Inlandskorrespondenten stehen für den föderalen Sendeauftrag der drei Deutschlandradio-Programme. In dieser Artikelreihe stellen die Kolleginnen und Kollegen von Kiel bis München ihre Bundesländer vor.


Landeskorrespondent Bayern, Michael Watzke (© Deutschlandradio / Jan Petersmann)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid (NRW). Dort erste journalistische Erfahrung bei der Schülerzeitung ‚Die Waage‘, später als freier Reporter der Rheinischen Post und des WDR-Regionalstudios Wuppertal. Ab 1993 Schüler der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München. Studium der Politik und Kommunikationswissenschaft an der LMU München und der American University in Washington D.C., USA. Arbeit als Redakteur, Moderator und ab 2002 Chefreporter von Antenne Bayern. Seit 2010 die bayerische Stimme von Deutschlandradio, kann aber auch noch Hochdeutsch. (© Deutschlandradio / Jan Petersmann)

Neulich stand ich auf der Innbrücke bei Kiefersfelden, genau zwischen Bayern und Österreich. Für eine Reportage über Grenzkontrollen befragte ich Bürger auf beiden Seiten des Inn. Ein stämmiger Österreicher mit Schnauzbart kam mir entgegen. "Michael Watzke, Deutschlandfunk", stellte ich mich auf Hochdeutsch vor. "Deitschland?" Er musterte mich finster. "Bayernkorrespondent", fügte ich hinzu. Da strahlte der Mann. "I mog Bayern!", rief er. "Weißt warum? In Bayern bin i nimmer in Österreich, aber no ned in Deitschland!"

Nationale twilight zone

Bayern liegt irgendwie dazwischen. Zwar führt der Deutschlandfunk das Studio Bayern als Inlands-Korrespondentenbüro. Aber könnten wir manchmal nicht Auslands-Zuschlag erheben? Vor ein paar Wochen berichteten wir aus Passau über eine neue Idee der CSU: die bayerische Grenzpolizei. 500 Landesbeamte sollen offiziell die deutsch-österreichische Grenze bewachen – und nicht die bayerisch-badenwürttembergische. Noch nicht. Das Gefühl, in Bayern in einer Art nationaler twilight zone zu leben, entsteht einerseits durch die CSU (die ja – man vergisst das außerhalb des Freistaats leicht – nicht mit Bayern gleichzusetzen ist, auch wenn sie den Anschein erwecken will). Es entsteht andererseits dadurch, dass sich viele Bürger Bayerns (ob in Franken oder am Alpenrand, ob politisch konservativ oder links) einen Grad an Eigenständigkeit zuschreiben, den Berliner, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen kaum nachempfinden können. Man findet hier unten im Südosten Ladenschilder mit "Tschüss-freier Zone", Grenzpfosten mit "Hier beginnt der Freistaat Bayern"-Hinweis und mehr weißblaue als schwarz-rot-goldene Fahnen.

Wahlkampf mit weiß-blauer Trumpfkarte

Diese Eigenständigkeit in all ihren politischen, kulturellen und sprachlichen Facetten zu beschreiben, ist die interessanteste Aufgabe eines Bayernkorrespondenten. Am 14. Oktober wählt Bayern einen neuen Landtag. Mein Kollege Tobias Krone und ich sind deshalb viel im Wahlkampf unterwegs, von Aschaffenburg an der hessischen Grenze bis Zwiesel kurz vor Tschechien. Wir stellen dabei fest, dass alle politischen Parteien, von den Linken bis zur AfD, die weiß-blaue Trumpfkarte spielen. Katharina Schulze von den Grünen trägt Dirndl. Hubert Aiwanger von den Freien Wählern feiert die bajuwarische Freistaatlichkeit. Natascha Kohnen, die SPD-Spitzenkandidatin, appelliert an das bayerische Ehrgefühl. Die AfD plakatiert: "Strauß würde AfD wählen". Und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) beendet jede seiner Bierzeltreden mit dem Satz: "I bin der Markus, und hier bin i dahoam."

Traum und Albtraum

Auch wir, die Bayernkorrespondenten, sind in Bayern dahoam. Tobias Krone ist in Bad Tölz geboren und aufgewachsen, ich bin als Student nach München gekommen und geblieben. Ich erlebe Bayern mit all seinen schönen und verrückten Seiten. Ich freue mich über den Blick auf die Mariahilf-Kirche im Sonnenuntergang, wenn ich abends mal wieder länger am Schreibtisch im Studio Bayern in der Münchner Au sitze. Und ich ärgere mich wie zehntausend andere Eltern in München darüber, keine bezahlbare Wohnung mit genug Platz für unsere drei kleinen Kinder zu finden. Ich bestaune Bayerns herrliche Natur und ärgere mich, wenn sie unnötig zubetoniert wird. Ich genieße die Bergeinsamkeit, aber fluche wie alle anderen Bayern über den schlechten Handy-Empfang, wenn ich zum Beispiel eine Live-Reportage über Wölfe im Bayerischen Wald absenden will. Bayern ist Traum und Albtraum, Fluch und Segen, meistens zeitgleich. Aber ich gestehe: In keinem anderen Bundesland möchte ich lieber leben und arbeiten. Ob als In- oder Auslandskorrespondent.

Das Bundesland als Vorreiter

Nicht zuletzt ist Schleswig-Holstein aber auch in mancherlei Hinsicht Vorreiter. Der Breitbandausbau auf dem Land kommt hier tatsächlich ganz ordentlich voran. Auch die Integration von Flüchtlingen scheint bisher zu klappen. Die Landespolitik ist seit dem Zustandekommen von Jamaika ein interessanter Gegenpol zum bisweilen herrschenden Berliner Regierungschaos. Und nicht zuletzt ist das Miteinander an der deutschdänischen Grenze vorbildlich. Auch wenn dort in Kürze womöglich ein Zaun gegen Wildschweine steht.

Michael Watzke,
Landeskorrespondent Bayern


Aus dem Programmheft, Ausgabe September 2018

 

Letzte Änderung: 15.10.2018 17:15 Uhr

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