Industrieunternehmen als Selbstversorger

Wann rechnet sich eine eigene Stromproduktion?

Von Tonia Koch

Als das RWE-Kohlekraftwerk im saarländischen Ensdorf zum Verkauf stand, schlug die Saarstahl AG zu. (picture alliance / dpa / Becker&Bredel Claus Kiefer)
Als das RWE-Kohlekraftwerk im saarländischen Ensdorf zum Verkauf stand, schlug die Saarstahl AG zu. (picture alliance / dpa / Becker&Bredel Claus Kiefer)

Die Stromkosten sind besonders für Unternehmen der Stahl- oder Chemieindustrie ein erheblicher Posten im Budget. Lohnt es sich da vielleicht, den Strom gleich selbst zu produzieren? Die Saarstahl AG schlug diesen Weg ein, der aber nicht für alle energieintensiven Betriebe gangbar ist.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Kohlekraftwerk zum Verkauf steht. Aber der Energieversorger RWE hat das Interesse am Standort Ensdorf verloren, nachdem vor zwei Jahren Pläne gescheitert waren, dort ein Großkraftwerk zu errichten. Im kommenden Jahr sollte Ensdorf daher stillgelegt werden. Für die Saarstahl AG bot sich dadurch eine unerwartete Gelegenheit, die Energieversorgung des Stahlunternehmens auf selbst erzeugten Strom umzustellen, erläutert der Vorstandsvorsitzende Klaus Harste:

"Wir wollen uns ein Stück weit unabhängig machen von den Preisentwicklungen, die durch Handelsaktivitäten an der Börse getrieben werden."

Harste erwartet nach der eingeleiteten Energiewende schnell steigende Strompreise. Die Eigenstromerzeugung entlaste das Unternehmen daher von den zum Teil politisch motivierten Kosten. Denn die vor wenigen Wochen verabschiedete Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes halte an dem Grundsatz fest, den von Unternehmen selbst erzeugten Strom von der EEG-Umlage zu befreien:

"Wir haben jetzt eine Basis geschaffen, wo unsere Strompreise im Wesentlichen durch die Rohstoffkosten Kohle, den CO2-Zertifikaten, die wir allerdings an der Börse kaufen müssen und den Stromgestehungskosten, das sind dann Personalkosten und weitere Fixkosten definiert sind. Und mit dieser Kostenstruktur werden wir uns dann gegenüber Wettbewerbern absetzen können."

Der Verband der energieintensiven Unternehmen, dem neben der Stahlindustrie unter anderem die Chemie-, die Papier- und die Glasindustrie angehören, glaubt nicht, dass das Saarstahl-Beispiel Schule machen wird. Zum einen stünden andernorts keine Kraftwerke zum Verkauf und zum anderen seien Millioneninvestitionen für Kraftwerksneubauten von der Industrie kaum zu schultern. Die Unternehmen wollten möglichst bei ihrem Kerngeschäft bleiben und keine Stromerzeuger werden. Wenn jedoch Anlagen gebaut würden, dann orientierten sich diese vordergründig am Wärmebedarf und nicht am Strombedarf der Unternehmen, erläutert der Geschäftsführer des Verbandes, Jörg Rothermel:

"Alle Unternehmen, die in unsrem Kreis vertreten sind, Chemieindustrie, Papierindustrie, Stahlindustrie und die Glasindustrie, die sind im Wesentlichen auf Wärme angewiesen, die sie in der Regel auch selbst erzeugen. Und um das Ganze sehr effizient zu machen, wird bei dieser Erzeugung auch gleichzeitig Strom hergestellt, in sogenannten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen oder GuD-Anlagen, Gas- und Dampfanlagen."

Unternehmen setzen dann auf eigene Erzeugungskapazitäten, wenn zum Beispiel während des Produktionsprozesses Restgase anfallen, die genutzt werden können. Auch die Größe des Standortes spielt eine Rolle. Das Chemie-Unternehmen BASF zum Beispiel versorgt den Standort Ludwigshafen mithilfe eigener Gas- und Dampfkraftwerke zu 100 Prozent selbst. Und künftige Entscheidungen der Unternehmen in Blockheizkraftwerke oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen zu investieren, werden unter anderem davon abhängen, ob sie vom Erneuerbare-Energien-Gesetz profitieren können. Um das Energiepreisrisiko zu minimieren, hat der Gesetzgeber die geltende Härtefall-Regelung ausgedehnt. Für Unternehmen, die jährlich mehr als eine Gigawattstunde Strom verbrauchen, wird die EEG-Umlage auf zehn Prozent begrenzt. Dabei gilt der Grundsatz, je höher der Verbrauch desto geringer die Umlage. Und Firmen, die mehr als 14 Prozent ihrer Bruttowertschöpfung für die Stromrechnung aufwenden müssen, sind von der EEG-Umlage befreit. Trotz Ausnahmeregelungen für die energieintensive Branche leistete auch diese ihren Beitrag zur Energiewende, betont Verbandsgeschäftsführer Rothermel.

"In den sechs Branchen führt das insgesamt auch heue schon zu einer Belastung von in etwa 1,5 Milliarden Euro jährlich."

Nicht zufrieden mit der im EEG verankerten Härtefallregelung ist der Mittelstand. Er fühlt sich nicht ausreichend entlastet. Von den 5000 Stahl und Metall verarbeitenden Betrieben zum Beispiel erreicht nach Angaben des zuständigen Verbandes lediglich eine Handvoll den Schwellenwert von einer Gigawattstunde. Alle anderen müssten die volle EEG-Umlage zahlen. Ändert sich daran nichts, werden die Unternehmen mit spitzem Bleistift rechnen, ob sich eine Eigenstromversorgung für sie nicht doch lohnt.

Mehr zur Serie:

Serie Wende wohin? - Die Zukunft des deutschen Energiemarktes

Zu hören wochentäglich vom 15. bis 24. August 2011 im Deutschlandfunk in der Sendung "Wirtschaft und Gesellschaft" ab 17:05 Uhr



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:44 Uhr