Interview zum 80. Geburtstag von Ernst Elitz

Ernst Elitz vor dem Berliner Funkhaus von Deutschlandradio.  (Jörg Krauthöfer / Berliner Morgenpost)
Ernst Elitz vor dem Berliner Funkhaus von Deutschlandradio. (Jörg Krauthöfer / Berliner Morgenpost)

Am 24. Juli feiert Ernst Elitz seinen 80. Geburtstag. Im Gespräch blickt er auf die Anfänge von Deutschlandradio zurück.

Im März 1994, zwei Monate nach dem Start von Deutschlandradio, wurde Ernst Elitz Intendant des bundesweiten Senders und stand ihm in dieser Funktion bis 2009 vor. Elitz begann seine journalistische Laufbahn beim RIAS Berlin, später arbeitete er als Mitarbeiter der Zeit und Redakteur beim Spiegel und dann beim ZDF, wo er unter anderem als Moderator für die Sendung "Kennzeichen D" sowie das "heute journal" tätig war; anschließend war er Chefredakteur Fernsehen des SDR. In jüngster Vergangenheit hat er als Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin und Direktor der Berlin Media Professional School besonders den journalistischen Nachwuchs gefördert. Ernst Elitz ist Vorsitzender des Kuratoriums der Rundfunk Orchester und Chöre gGmbH Berlin (ROC).


Die Fragen stellte Marion Schwarzkopf, Abteilung Kommunikation und Marketing

Der Gründung von Deutschlandradio ging ein langer und zäher Prozess voraus. Wo lagen die Schwierigkeiten in dieser Gründungsphase?

Mit Deutschlandsender Kultur, hervorgegangen aus dem Staatlichen Rundfunk-Komitee der DDR, auf der einen Seite sowie RIAS und Deutschlandfunk auf der anderen Seite trafen zwei Formen, Journalismus zu machen, aufeinander. Man ist da nicht unbedingt freudig aufeinander zugegangen und musste sich erst mal beschnuppern. Mein Prinzip war: Ganz schnell eine gemeinsame Aufgabe! Ganz schnell zusammen im Funkhaus Berlin ein neues Programm entwickeln, um damit allzu viel Rückschau auf das, was mal war, aus dem Wege zu gehen.

Als ich den Sender übernahm, wurde in Berlin vormittags DS Kultur und am Nachmittag RIAS ausgestrahlt. Das war eine absurde Situation und führte eher zum Abschalten, als zum Hinhören. Wir haben dann innerhalb von ein paar Monaten mit Gerda Hollunder, die ich als Programmdirektorin ins Berliner Funkhaus berief, ein neues Programm entwickelt – in Arbeitsgruppen von Mitarbeitern aus DS Kultur und RIAS. Als gemeinsames Projekt. Zum 1. Januar 95 konnten wir mit DeutschlandRadio Berlin auf Sendung gehen. Es gab wenig andere Projekte der deutschen Einheit, bei denen das so Zackzack funktionierte.

In dieser Zeit, das darf man nicht verschweigen, gab es natürlich auch Verletzungen, Missverständnisse, Ärgernisse. Das ist klar, wenn man Menschen mit so unterschiedlichen Lebens- und Berufswegen zusammenbringt, da explodiert auch mal was, da ist nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen.

Dazu kam, dass die Kollegen in Köln beim Deutschlandfunk Sorge hatten, dass sich das ganze Gewicht des nationalen Hörfunks nach Berlin verschieben könnte. Auf der anderen Seite fürchteten die Berliner, der renommierte Deutschlandfunk würde jetzt alles dominieren. Das waren sehr harte Auseinandersetzungen. Man war einander nicht in Liebe zugetan. Der Intendant war der Seelentröster.

Stand zur Disposition, dass man statt des RIAS-Gebäudes ein anderes, ein neues Gebäude sucht?

Es stand früh fest, dass das Berliner Programm aus dem ehemaligen RIAS-Funkhaus gesendet wird. So haben die Kolleginnen und Kollegen, die von DS Kultur kamen, in der Nalepastraße ihre Kisten gepackt und sind damit in das RIAS-Funkhaus eingezogen.

Ja, da ging es nicht nur um politische Fragen und darum, wie man das beste Programm macht. Sondern auch darum, dass Leute, die bisher ein Einzelzimmer hatten, jetzt auf einmal in einem Zweierbüro saßen. Solche Dinge führten auch zu menschlichen Problemen. Kennt man ja. Am Anfang haben jeweils die Kollegen vom RIAS und von DS Kultur in der Kantine an unterschiedlichen Tischen zusammengegluckt. Aber wir haben Gesprächskreise gebildet, in denen die Mitarbeiter sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten erzählt haben. Das ist gut angenommen worden und hat viel zur Entspannung und zum gegenseitigen Verständnis beigetragen.

Würden Sie sagen, dass die unterschiedlichen Hintergründe der Mitarbeitenden den Programmen gerade zuträglich war?

Na ja, das waren Erfahrungen, die generell zum deutschen Einheitsprozess gehörten. Die haben wir eben auch gemacht. Deutschlandradio hatte speziell den Auftrag, zur Einheit beizutragen und alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland anzusprechen. Die Kolleginnen und Kollegen, die aus der DDR kamen, hatten natürlich genau die Probleme, die jeder andere DDR-Bürger auch hatte, ganz normale Lebensprobleme. Es wurde über Dinge geredet, die man nicht kannte, z.B. gab es Literatur, die man in der DDR nicht kannte – und umgekehrt. Bis hin zu solchen Sachen, dass man auf einmal Versicherungen abschließen musste, oder etwa die Frage nach den Rentenansprüchen. Und dann war da auch der Wissensdurst auf das gemeinsame Zusammenleben. Wie bewältigt man das? Das war für das Programm gut. Wir haben die Hörer nicht nur aus der Westperspektive angesprochen, sondern auch aus der Ostperspektive.

Es mussten ja relativ viele Stellen abgebaut werden.

Wir mussten quasi ein Drittel der Mitarbeiter abbauen. Das stand im Staatsvertrag, und war beinhart und ging nicht ohne Konflikte. Der Abbau ging nach Alter, das musste innerhalb des Hauses zwangsläufig zu Ungleichgewichten führen. Es gab Redaktionen, da mussten alle gehen, weil die schon allesamt etwas älter waren. Ein paar haben sich gefreut. Andere haben ihren Beruf geliebt und hätten gern weiter gearbeitet. Für die war das natürlich hart. Wir mussten von der Verwaltung bis in die Redaktionen große Teile des Hauses umkrempeln, um überhaupt funktionsfähig zu bleiben.

2010 kam dann DRadio Wissen dazu, heute Deutschlandfunk Nova. Wenn man vorher noch Angst hatte, dass Programme zusammengelegt oder gekürzt werden und dann stattdessen ein neues auf Sendung geht – wie haben Sie das geschafft?

Ich habe ein sehr differenziertes Verhältnis zum Einfluss der Politik auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Viele möchten die Politik am besten ganz raushalten. Wir sind in Europa die letzten gewesen, die einen nationalen Hörfunk bekommen haben. Und das geschah durch den Willen der Politik. Sie hat entschieden, dass auch in Deutschland so etwas entstehen sollte wie woanders die BBC oder Radio France. Den Anlass gab die Wiedervereinigung.

Die Politik hat uns dann auch geholfen, unabhängig zu werden von ARD und ZDF. Allein mit der Gründung des Deutschlandradios waren wir noch kein autonomes Unternehmen. Wir sollten finanziert werden von ARD und ZDF, hatten also keinen eigenen Anspruch auf eine eigene Rundfunkgebühr. Wäre das so geblieben, hätten die Großen auf unsere Kosten gespart und wir wären in der Konkurrenz von ARD und ZDF zerquetscht worden. Zumal die ARD in uns eine Konkurrenz sah. Deshalb habe ich mich auf Reisen durch die Staatskanzleien, zu den Ministerpräsidenten begeben mit dem Anliegen, uns den Status eines eigenen Gebührenempfängers – Gebührengläubiger heißt das offiziell – zuzugestehen. Das klappte. Die Politik hat uns dann als autonome Rundfunkanstalt neben ARD und ZDF aufgestellt, 1999. Seitdem heißt es in der Öffentlichkeit "ARD, ZDF und Deutschlandradio".

Als es dann mal wieder eine große öffentliche Diskussion gab, dass die Landesrundfunkanstalten zu viele Programme hätten, bekam ich einen Anruf von der Rundfunkkommission der Länder: Man bat uns, Vorschläge für ein drittes Deutschlandradio-Programm zu machen. Ich war überrascht. Unsere drei Vorschläge waren dann: ein nationales Nachrichtenradio, ein auf klassische Musik hin orientiertes Programm, ein Jugendprogramm. Die Ministerpräsidentenkonferenz entschied sich dann für ein – rein digitales – Jugendprogramm. So haben wir DRadio Wissen auf den Weg gebracht, jetzt Deutschlandfunk Nova

In Kürze feiert DAB+ sein zehnjähriges Bestehen. Sie haben sich immer sehr stark für DAB eingesetzt. Welchem Verbreitungsweg haben Sie die größte Bedeutung beigemessen?

Als ich Intendant wurde, hatte Deutschlandradio im ganzen Bundesgebiet 30 UKW-Frequenzen – und meist nicht sehr starke. Es gab noch ein bisschen Langwelle und Mittelwelle. Das sagt heute keinem mehr was. Als ich Deutschlandradio verließ, hatten wir ca. 300 UKW-Frequenzen. Auf dieser Grundlage konnten wir mehr Hörer ansprechen. Die Programme hatten anfangs 800.000, nachher so an die zwei Millionen Hörer.

Wir haben auch deshalb so früh auf Digitalisierung gesetzt, weil wir im analogen Bereich wenig Möglichkeiten hatten, uns weiterzuentwickeln. DAB war für uns technisch lebensnotwendig. So konnten wir Zuhörerkreise erreichen, die sonst im "Tal der Ahnungslosen" saßen, weil sie keine UKW-Frequenz in der Nähe hatten. Was das Deutschlandradio angeht, war das "Tal der Ahnungslosen" eben nicht Dresden und Umgebung, wo man kein Westfernsehen empfangen konnte. Sondern – im übertragenen Sinn – auch Baden-Württemberg, Bayern und andere Gebiete in Deutschland ohne UKW-Empfang unserer Programme.

Jetzt sind Sie schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr Intendant von Deutschlandradio. Gibt es etwas, von dem Sie sagen, das würde ich heute anders machen und umgekehrt, da bin ich besonders stolz drauf? 

Dass es gelang, das Frequenz-Netz so zu erweitern, so dass wir rein technisch mehr Hörer gewinnen konnten. Wir waren da ständig in einer Konkurrenzsituation mit den Privaten, die ebenfalls auf Frequenz-Suche waren. Dass es gelang, schnell Korrespondentenbüros einzurichten. Das war mir wichtig – nicht nur, um die Präsenz von Deutschlandradio zu erhöhen – sondern, weil mir in meinem Journalistenleben immer klar war, dass Journalismus sich nicht nur im wohltemperierten Newsroom abspielen darf. Zum Journalismus gehört, mit Menschen in Kontakt zu sein, um zu erfahren, was bewegt sie, was haben sie für Probleme? Das ist wichtig, um die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Letzte Änderung: 21.07.2021 14:39 Uhr