Isar 1 - Kernkraftblock ohne Zukunft

Das AKW fällt in die Abschalt-Kategorie der Regierung

Von Michael Watzke

Der Kühlturm von Isar 1 und 2 (picture alliance / dpa)
Der Kühlturm von Isar 1 und 2 (picture alliance / dpa)

Block 1 des bayerischen Kernkraftwerks Isar wurde 1979 fertiggestellt - und wird dem heutigen Moratoriumsbeschluss der Regierung zufolge in Kürze vom Netz genommen werden müssen. Ein Rückblick auf eines der ältesten AKW Deutschlands.

Jeden Tag fliegen rund 100 Passagierflugzeuge über die Reaktorkuppel des Kernkraftwerks Isar-1. Denn der Flughafen München ist keine 50 Kilometer entfernt. Als Isar 1 vor 33 Jahren ans Netz ging, gab es den Flughafen noch nicht. Und die erforderlichen Sicherheitskriterien, sagt der bayerische Atomkritiker Raimund Kamm, seien vergleichsweise gering gewesen.

"Isar 1 gehört zur 'Starfighter'-Kategorie. Sprich: Dieser Meiler ist in den 60er-Jahren konstruiert worden. Damals hatte man die Erfahrung, dass in Deutschland über 100 Starfighter vom Himmel gefallen sind. Der Reaktor ist dann so ausgelegt worden, dass er einem Starfighter-Absturz standhält."

Starfighter fliegen längst nicht mehr. Heute gilt für Isar 1 das Auslegungskriterium "Absturz eines Passagierflugzeugs als Unfall" und "Einschlag eines schnell fliegenden Militärjets". Diese Szenarien muss "Isar 1" laut Anforderungskatalog des Umweltministeriums bestehen. Und ein gezielter Terror-Anschlag mit einem Passagierflugzeug?

"Also ehrlich gesagt, da würde ich jetzt, was das Thema Flugzeugabsturz angeht, nichts zu sagen."

Petra Uhlmann, Pressesprecherin des Betreibers Eon. Ein gezielter Flugzeug-Absturz zählt zum Restrisiko des AKW "Isar 1". Er könnte leicht eine Kernschmelze im Siedewasser-Reaktor von Isar 1 auslösen, glaubt Raimund Kamm.

"Weil man so was nicht einkalkuliert hat, ist der Reaktor mit viel zu dünnen Wänden, mit geringen Raumvolumina gebaut worden. Wenn da Druck aufgebaut wird und man muss was abblasen, dann sind die Räume zu klein. Kleine Räume werden dann schnell mit zu hohem Druck belastet und explodieren. Bei größeren Räumen hätte man mehr Reserve. Isar 1 hat kaum Reserve."

Die geringen Wandstärken von Isar-1 lassen sich zu wirtschaftlichen Konditionen nicht beheben. Allerdings will Eon den Meiler an anderer Stelle nachrüsten, sagt Sprecherin Uhlmann:

"Wir haben ja eine Nachrüst-Liste im Gespräch. Also wir, das heißt der Bund und die Länder gemeinsam mit den Betreibern, das war ja Bestandteil der Verlängerung. Und diese Maßnahmen, die wir dort treffen möchten, um die Sicherheit noch weiter zu optimieren – die Optimierung ist ja permanentes Ziel – die befinden sich ja zum Teil schon in der Umsetzung."

Konkreter will sich Uhlmann nicht äußern. Eon tut das, was laut Nachrüst-Liste bald auch das Kernkraftwerk Isar-1 können soll: Nebelkerzen werfen. Damit Terroristen das Kraftwerk beim Anflug nicht finden können. Außerdem stehen auf der Nachrüstliste neue, luftgekühlte Notstromdiesel-Aggregate. Sie sollen in ein besonderes, erdbebensicheres Gebäude gestellt werden. Dabei ist die Nachrüst-Liste noch gar nicht endgültig verabschiedet - und könnte nach der Kehrtwende der Bundesregierung schon wieder Makulatur sein und verschärft werden.

"Also wir glauben, dass die Auflagen an sich strenger werden. Im Moment ist die Situation aber so, dass keine direkte Kommunikation stattgefunden hat. Also man ist nicht auf uns zugekommen, hat keine Vorstellungen geäußert, wie das passieren soll, in welchen Zeiträumen, mit was es verbunden wird, und wir erwarten jetzt, dass der bayerische Umweltminister auf uns zukommt."

Der bayerische Umweltminister Markus Söder sagt, er wolle Isar 1 abschalten. Anfang Juli wird der Meiler seine Rest-Strommengen erzeugt haben, die ihm nach dem alten, rot-grünen Atomausstiegsgesetz noch blieben. Bis dahin ist aber auch das dreimonatige Moratorium ausgelaufen, das Kanzlerin Merkel verkündet hat. Keiner weiß derzeit, was aus Isar-1 wird. Sicher sei nur eines, sagt Raimund Kamm: dass Isar-1 nicht sicher sei – und auch nicht werden könne:

"Das ist so, als wenn ich einen VW-Käfer aus den 60er-Jahren hätte, und wollte heute ein Auto haben mit stabiler Fahrgastzelle, ABS und Airbags. Das kann ich in einen VW-Käfer sinnvollerweise nicht alles einbauen."

Direkt neben Isar-1 steht der Druckwasser-Reaktor Isar-2. Eines der modernsten AKWs in Deutschland. Isar-2 soll bis 2034 am Netz bleiben.

Kernkraftwerke bis Entstehungsjahr 1980 müssen sofort vom Netz

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr