Italien am Scheideweg

Zweiter und letzter Tag der Parlamentswahl

Pier Luigi Bersani (picture alliance / dpa /  Claudio Peri)
Pier Luigi Bersani (picture alliance / dpa / Claudio Peri)

Wenn heute Nachmittag um 15 Uhr die Wahllokale schließen, entscheidet sich, welchen Weg Italien durch die Schuldenkrise gehen wird. Nach den jüngsten Umfragen werden dem Mitte-Links-Bündnis mit dem Spitzenkandidaten Pier Luigi Bersani die besten Chancen eingeräumt.

Bersani steht für ein Programm, das die Schaffung von Arbeitsplätzen vorsieht. Das sei vor allem für den Süden des Landes wichtig, sagt Karl Hoffmann, ARD-Korrespondent in Rom. Dort haben 30 Prozent der Menschen keine Arbeit, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegt die Arbeitslosigkeit bei bis zu 50 Prozent.

Aufholjagd eines "Störenfrieds"

Der italienische Polit-Komiker Beppe Grillo spricht auf der Piazza San Carlo in Turin. (AP)Aufholjagd eines "Störenfrieds": Der italienische Polit-Komiker Beppe Grillo (AP)Um den zweiten Platz konkurrieren Umfragen zufolge die Gruppierung des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi und die Protestbewegung des Komikers Bepe Grillo. Berlusconi hatte versucht, Wähler mit dem Versprechen massiver Steuererleichterungen zu locken.

Grillos populistische Protestbewegung "Fünf Sterne" hatte zuletzt starken Auftrieb verzeichnen können. Als "Störenfried", so Hoffmann, werde Grillo wohl in der politischen Landschaft Italiens in den kommenden Jahren für Überraschungen sorgen. Letzten Umfragen zufolge kommt die Bewegung auf rund 25 Prozent. Das Bündnis des bisherigen Regierungschefs Mario Monti wird auf dem vierten Platz gesehen.

Graf Lambsdorff (FDP): Kein Euro-Rettungsschirm für Italien

Der FDP-Europapolitiker Alexander Graf Lambsdorff rechnet damit, dass das Bersanis Mitte-Links-Bündnis die Parlamentswahlen in Italien gewinnt. Er hoffe auf eine Mehrheit von Bersanis Demokratischer Partei und der Zentrums-Bewegung des amtierenden Ministerpräsidenten Monti, sagte Lambsdorff im Deutschlandradio Kultur. Sollte der frühere Regierungschef Berlusconi die Wahl für sich entscheiden, hätte das verheerende Auswirkungen für Europa. Italien sei zu groß und zu wichtig und könne nicht unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen.

Wahllokale schließen um 15 Uhr

Die Finanzmärkte befürchten angesichts des offenen Ausgangs der Italienwahl eine Unregierbarkeit des Krisenlandes ohne stabile Mehrheit oder auch eine Rückkehr Berlusconis. Unter neuer Regierung, so die Befürchtung, könnte Italien von seinem bisherigen Sparkurs abweichen. Mit Spannung werden deshalb auch an der Börse die ersten Ergebnisse erwartet.

Ingesamt sind seit gestern rund 47 Millionen Italiener aufgerufen, das Abgeordnetenhaus und den Senat neu zu bestimmen. Bis zur Schließung der Wahllokale am ersten Tag haben nach offiziellen Angaben rund 55,17 Prozent der Berechtigten ihre Stimme abgegeben. Das waren deutlich weniger als zu diesem Zeitpunkt vor fünf Jahren - damals hatte die Beteiligung bei 62,55 Prozent gelegen. Heute können die Italiener noch bis 15 Uhr wählen. Unmittelbar danach werden die ersten Hochrechnungen erwartet.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:07 Uhr