Jeder siebte Bürger ist armutsgefährdet

Paritätischer Wohlfahrtsverband fordert Sofortprogramm gegen Armut

Viele Menschen in Deutschland verarmen zunehmend (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Viele Menschen in Deutschland verarmen zunehmend (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland wächst. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. "Wir haben Armut wirklich auf Rekordniveau", sagt Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.

"Wir haben Armut wirklich auf Rekordniveau", erklärte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, im ARD-Morgenmagazin. Das beweist der dritte Bericht des Verbandes, der die regionale Armutsentwicklung in Deutschland dokumentiert.

Die sogenannte Armutsgefährdungsquote kletterte im vergangenen Jahr auf 15,1 Prozent und damit auf den absoluten Höchststand seit der Wiedervereinigung. Das sind fast 12,5 Millionen Menschen. Gleichzeitig sank die Arbeitslosenquote von 11,7 im Jahr 2005 auf 7,1 Prozent 2011. Die Entwicklung zeige, dass gute Arbeitslosenstatistiken mit Niedriglöhnen und prekären Beschäftigungsverhältnissen erkauft würden. Wie in den USA gebe es in Deutschland inzwischen die "working poor", also Menschen, die trotz Erwerbsarbeit nicht genügend Geld zum Leben hätten, sagte Schneider.

Schneider fordert Mindestlohn

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Zur Armutsbekämpfung forderte Schneider ein sechs Punkte umfassendes Sofortprogramm: Die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, eine Mindestrente, ein Mindestarbeitslosengeld I, eine spürbare Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze auf 420 Euro, einen Ausbau der öffentlich geförderten Beschäftigung und eine Reform des Wohngeldgesetzes, um die Zusatzbelastungen durch steigende Energiepreise aufzufangen. Diese Maßnahmen würden erst mal zwischen zehn und 20 Milliarden Euro kosten, sagte Schneider. Das sei zwar viel Geld, aber "wir haben das Geld", betonte Schneider. In Deutschland lägen "4,8 Billionen Euro bei den Privathaushalten auf den Konten. Wir sind das fünftreichste Land der Welt. Wenn wir es nicht schaffen, wer dann?"

Finanziert werden solle dies durch die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, die Anhebung des Spitzensteuersatzes sowie die Erhöhung der Erbschaftssteuer. Auf die Frage, ob er die Reichen zur Kasse bitten wolle, antwortete Schneider: "Wen sonst, wenn nicht die Reichen?"

Große Unterschiede zwischen den Bundesländern

Der Bericht zeigt, dass insbesondere Menschen in Bremen von Armut bedroht sind. Mit 22,3 Prozent hält der Stadtstaat die rote Laterne - und damit erstmals ein westdeutsches Bundesland, berichtet Deutschlandradio-Korrespondet Frank Capellan im Deutschlandfunk. Ähnlich schlecht sieht es in Mecklenburg-Vorpommern (22,2 Prozent) aus. In manchen Ruhrgebietsstädten ist die Lage noch dramatischer: So stieg die Armutsgefährdungsquote in Duisburg um mehr als 45 Prozent und in Essen sogar um 57 Prozent in den vergangenen Jahren. Einigermaßen komfortabel lebt es sich in Baden-Württemberg, das mit einer Armutsquote von 11,2 Prozent den bisherigen Spitzenreiter Bayern (11,3 Prozent) ablöste.

Der Bericht greift auf Vergleichsdaten des Mikrozensus bis 2005 zurück. Als armutsgefährdet gilt danach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens hat. Diese Schwelle lag 2011 für einen Alleinstehenden bei 848 Euro im Monat.

Die SPD fühlt sich durch den Bericht und die Forderungen, die der Wohlfahrtsverband daraus ableitet, in ihrer politischen Linie bestätigt. Parteichef Sigmar Gabriel sprach von einem Beleg dafür, "wie zynisch und verlogen" die Koalition über das Thema spreche. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hält die Entwicklung dagegen nicht für alarmierend. "Armut ist in einem reichen Land wie Deutschland immer relativ", sagte die CDU-Politikerin.

Der Armutsbericht ist auch ein Thema in der Presseschau des Deutschlandfunks.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr