Johannes Kuhn

Beiträge mit Kribbel-Effekt

  (© Beate Wild)
(© Beate Wild)

Radios waren einmal Kisten. Wuchtige Kisten, an denen bis auf die Drehknöpfe alles eckig war. Kisten, die dann im Zuge des technischen Fortschritts ziemlich schrumpften. Was immerhin die Rücken der Umzugshelfer schonte. Heute passt das Radio oft in einen Knopf im Ohr – live oder als Podcast. Man könnte also theoretisch andauernd umziehen. Nur ist inzwischen leider nicht nur das Radio geschrumpft, sondern auch der Berliner Wohnungsmarkt.

Weil Radio uns inzwischen so nahe kommt, nenne ich es gerne "ASMR für den Verstand". ASMR steht für ‚Autonomous Sensory Meridian Response‘, unverschämt frei mit ‚Kopfkribbel-Effekt‘ zu übersetzen.

Wer sich in den obskureren Ecken des Internets herumtreibt, hat vielleicht schon einmal ein ASMR-Video auf YouTube gesehen. Menschen flüstern und rascheln dort mit Papier oder trommeln auf den Tisch. Sie wirken dabei wie Konsumenten einer psychedelischen Pilzsuppe, doch die Geräusche lösen bei ihren Zuhörern eine wohlige Gänsehaut auf der Kopfschwarte aus. So wie ein gehaltvoller Beitrag, ein anregendes Gesprächsformat, ein gut inszeniertes Hörspiel ebenfalls ein Kribbeln auslösen können – nur eben nicht auf dem, sondern im Kopf. Bei mir zumindest.

Seit August 2019 arbeite ich im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio. Nach zuletzt zehn Jahren im Dienst der On- und Offlineausgabe der Süddeutschen Zeitung fühle ich mich sehr wohl beim ‚Radiomachen‘. Auch wenn das alles durchaus surreale Züge trägt: Formate wie die Kommentarstrecke, der Politikpodcast oder die Sendung ,Fazit‘ waren während meiner Zeit als US-Korrespondent @SZ eine wichtige Verbindung zu dem, was daheim in Deutschland geschah. Jetzt kann es passieren, dass ich plötzlich selbst dort auftauche. Und es sind andere, die beim Hören gerade pendeln, joggen, ihre Wohnung putzen oder den Morgenkaffee schlürfen.

Diese Verbindung zum Hörer: Das ist nicht nur ein aufgesetzter Kopfhörer oder eine Taste auf dem Autoradio. Das ist im Idealfall Verbundenheit, Begleitung in bestimmten Momenten oder durch den Tag. Der Reiz der bundespolitischen Berichterstattung liegt deshalb für mich nicht darin, Politiker, Funktionäre oder sonstige mitteilungsbedürftige Hauptstadt-Menschen zu treffen. Sondern darin, daraus ein ansprechendes Programm zu machen, dem die Hörerinnen und Hörer ihre Zeit schenken. Manchmal sogar mit etwas Kribbeln unter der Kopfhaut.


Johannes Kuhn,
freier Korrespondent für Digitales und Netzpolitik im Hauptstadtstudio
Deutschlandradio


Aus dem Programmheft, Ausgabe November 2019