Kaiser Wilhelm, RAF und Bilderklau im Internet

60 Jahre Bundesarchiv Koblenz

Von Ludger Fittkau

Das nächste große Digitalisierungsprojekt des Bundesarchivs ist  der 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges im August 2014. (dapd)
Das nächste große Digitalisierungsprojekt des Bundesarchivs ist der 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges im August 2014. (dapd)

Das seit 60 Jahren bestehende Bundesarchiv in Koblenz hat die Aufgabe das Archivgut des Bundes auf Dauer zu sichern und nutzbar zu machen – auch digital. Beim Kooperationsprojekt mit Wikipedia wurden Fotos im Internet für jeden zugänglich. Das führte allerdings zu jeder Menge Ärger.

Oliver Sander, der Leiter der Bild- und Tonabteilung des Koblenzer Bundesarchivs zieht Schubladen mit der Aufschrift "Benutzerkassetten" aus Aktenschränken:

"Was haben wir hier? Erklärung Adenauers beispielsweise, Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO. Goebbels am 20. Juli 44. Teil der Kassetten, die man benutzen konnte. Runder Tisch sehen sie, DDR und Forschungsrat der DDR. Das sind dann schon Sachen, die dann eine mehr oder weniger komplette Überlieferung darstellen, die dann komplett mitgeschnitten wurden."

Die Tonschätze des Bundesarchivs müssen noch digitalisiert werden, erklärt Oliver Sander. Anders ist das mit Fotos und Plakaten. Die sind schon weitgehend eingescannt. Auch mit Wikipedia hat das Koblenzer Bundesarchiv schon kooperiert, um die Fotos im Internet für jeden zugänglich zu machen. Das gab allerdings jede Menge Ärger, weil 90 Prozent der Internetnutzer sich nicht an die Lizenzbedingungen hielten, so Oliver Sander:

"Sie hätten eigentlich nur nennen sollen die Quelle Bundesarchiv, die Bildsignatur, den Urheber, besonders wichtig, nach Urheberbegesetz auch verpflichtend und die entsprechende Lizenz, Creativ Common, dann hätte man diese Bilder verwenden können."

Einige Internetnutzer versuchten sogar auf geradezu kriminelle Weise aus den Fotos des Bundesarchivs Kapital zu schlagen:

"Da kann man teilweise von krimineller Energie durchaus reden. Wir haben einen Spitzenreiter in Anführungszeichen, der auf eBay Bilder verkauft hat als angeblich private Sammlung und der sich die Mühe gemacht hat, jeden Hinweis aufs Bundesarchiv insofern zu tilgen, als er den weißen Quellenstreifen, der in den Bildern vorhanden ist, gelöscht hat. In den Dateinamen das Wort Bundesarchiv gelöscht hat. Allerdings hat er dann trotzdem die Bildsignatur des Bundesarchivs im Dateinamen nicht gelöscht. Das heißt, es ist zweifelsfrei nachweisbar, das diese Bilder aus dem Kooperationsprojekt sind und das diese Bilder auch von uns sind."

Die Digitalisierung des Gedächtnisses der Bundesrepublik hat also ihre Tücken – dennoch wird sie in Koblenz und an den anderen Standorten des Bundesarchivs wie Berlin oder Freiburg vorangetrieben. 200 Kilometer Akten der Bundespolitik warten allein in den Koblenzer Magazinen darauf, irgendwann einmal internettauglich gemacht zu werden. Allerdings nur teilweise. Denn Andrea Hänger, die Leiterin des Referates Grundsatzfragen der Digitalisierung beim Bundesarchiv glaubt nicht, dass das Internet die gesamten Datenmengen aus Koblenz aufnehmen könnte:

"Das würde Probleme kriegen. Das sind ja Millionen von einzelnen Seiten, die dann digitalisiert werden müssten, die dann verarbeitet werden müssten. Und das werden wir vermutlich nicht erreichen."

Mit Aktenbeständen aus DDR-Behörden testete man in den letzten Jahren im Bundesarchiv, wie weit man die Digitalisierung sinnvoll treiben kann. Bis auf manche Stasi-Akten hat die schriftliche staatliche Überlieferung der DDR die Wende vergleichsweise gut überstanden und wird nun im Bundesarchiv gesichert und für die Benutzung bereitgestellt. Einige Akten bleiben allerdings noch eine ganze Zeit für die Forschung gesperrt, weil die Menschen, auf die sich die Akten beziehen, noch leben, so Andrea Hänger. Regelrecht geheimes Schriftgut gäbe es aber nicht mehr im Bundesarchiv, das sei inzwischen alles offengelegt.
Doch nicht die DDR stehe im Augenblick im Focus der Archivnutzer, beobachtet die Historikerin Andrea Hänger. Sondern bestimmte Ereignisse in der alten Bundesrepublik:

"Ein ganz großes Thema war Olympia 1972 aufgrund des Jahrestages. Ein ganz großes Thema war zum Beispiel 2007 der Deutsche Herbst, die RAF. Kommt natürlich jetzt auch noch mit Buback und Verena Becker- Prozess, gerade auch zu diesen aktuellen politischen Themen und so zieht sich das durch die Zeit."

Nicht nur Historiker, sondern auch aktive Ministerialbeamte und Politiker greifen auf das Koblenzer Archiv zurück. Gerade dann, wenn heikle Koalitionsverhandlungen anstehen:

"Wir hatten es, als jetzt die große Koalition 2009 gegründet wurde, bekamen wir jede Menge Anfragen aus den Ministerien, wie war das denn, als die erste große Koalition gegründet wurde. Und dann wollte man noch mal in die Akten sehen, wie denn da ausgehandelt wurde mit den Ministerposten und wie das Ganze eigentlich in die Bahn gelenkt wurde."

Das nächste große Digitalisierungsprojekt des Bundesarchivs ist der 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges im August 1914. An der Vorbereitung dieses historischen Großereignisses wird jetzt schon an mehreren Standorten fieberhaft gearbeitet, berichtet Andrea Hänger:

"Viele Schreiben von Kaiser Wilhelm II. sind hier im Archiv überliefert beziehungsweise seine Randbemerkungen auf Dokumenten aus seinem Stab heraus und das lebt natürlich auch davon, dass man das im Original anschauen kann und das ist natürlich auch interessant, wenn man im Internet einen Überblick über diese wichtigsten Quellen bekommen kann."



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Externe Links:

Das Bundesarchiv in Koblenz

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:53 Uhr