Kein Ansturm aus Tschechien erwartet

Ab dem 1. Mai gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit für noch mehr Länder

Von Stefan Heinlein

Blick auf die tschechische Hauptstadt Prag (Stock.XCHNG)
Blick auf die tschechische Hauptstadt Prag (Stock.XCHNG)

Ab dem 1. Mai können sich Arbeitnehmer aus Tschechien einen Job in Deutschland suchen. Doch kaum einer sitzt auf gepackten Koffern, die Arbeitslosenquote fällt und die tschechische Krone erlebt einen Höhenflug.

Eine Altstadtwohnung auf der Prager Kleinseite. Marek und Daniel verlegen Leitungen und bohren Löcher für Steckdosen. Eine Komplettsanierung der noblen Wohnung in bester Lage. Umgerechnet rund 1200 Euro verdienen die beiden Elektriker im Monat. Das liegt etwas über dem tschechischen Durchschnittslohn. Marek ist zufrieden.

"Es gibt genügend Arbeit hier für mich auf den Baustellen. Wir verdienen gutes Geld. Vielleicht nicht so viel wie in Deutschland, aber man kann davon leben."

Marek hat sich erkundigt. Als gut ausgebildeter Handwerker ist er durchaus auch im Nachbarland gefragt. Seinen Lohn würde er mindestens verdoppeln. Doch der 58-jährige macht eine andere Rechnung auf:

"Wenn ich in Deutschland arbeite, muss ich viel mehr Geld für die Wohnung, das Essen und die Fahrten nach Hause ausgeben. Wenn ich alles zusammenrechne, bleibt mir dann kaum mehr Geld in der Tasche. Das ist wirklich nicht attraktiv."

Der Elektriker Marek ist kein Einzelfall. In Tschechien sitzt kaum jemand auf gepackten Koffern. In Prag und Umgebung herrscht nahezu Vollbeschäftigung – landesweit liegt die Arbeitslosenquote bei rund neun Prozent. Tendenz fallend. Hinzu kommt. Im Verlauf der Eurokrise erlebt die tschechische Krone derzeit einen wahren Höhenflug. Der Wirtschaftsexperte David Marek erwartet deshalb keinen Ansturm ab dem 1. Mai:

"Die tschechische Wirtschaft ist im Aufschwung. Das Lohnniveau hat sich deutlich erhöht und wer arbeiten will, findet in der Regel auch einen Job. Nur wenige sind deshalb bereit ins Ausland zu gehen Außerdem ist die Mobilität der Tschechen schon immer sehr gering."

Eine Job-Messe Ende März auf dem Prager Ausstellungsgelände. Viele Zeit- und Leiharbeitsfirmen aus Deutschland und Österreich sind zum ersten Mal vertreten. Sie werben um Fachkräfte aus allen Branchen. Petr ist schon am Vormittag gekommen. Der 30-jährige Oberkellner hat sich mit Deutschkursen vorbereitet und will nun das Abenteuer Ausland wagen:

"Ich möchte am liebsten in einem Hotel in München, Berlin oder Hamburg arbeiten. Ich bin ein freier, junger Mann und kann sofort meine Sache packen und nach Deutschland gehen. Dort verdiene ich doppelt soviel wie in Prag."

Insgesamt jedoch ist die Resonanz auf der Jobmesse enttäuschend. Wer unbedingt ins Ausland will, ist schon vor Jahren ausgewandert – so das durchgängige Urteil der Personalberater. Jiri Halbrstat ist Manager bei Manpower - einer großen internationalen Personalagentur. In den letzten Wochen und Monate sei die Nachfrage nach dem Traumjob in Deutschland kaum gesteigen:

"Die Öffnung des Arbeitsmarktes hat für die Tschechen vor allem eine psychologische Bedeutung. Die letzten Barrieren fallen in Europa – das ist für uns ein wichtiges Gefühl. In der Regel jedoch bleiben die Tschechen dort, wo sie geboren sind. Sie wollen in kein fremdes Land mit einer fremden Sprache. Ich bin mir deshalb ganz sicher. Es wird nach dem 1. Mai keinen Exodus geben."

Vor dem Hintergrund dieser Prognosen hat sich auch die Stimmungslage auf deutscher Seite deutlich entspannt. In kurzen Abständen reisten zuletzt die zuständigen Minister aus den benachbarten Bundesländern Bayern und Sachsen nach Prag. Nach dem Gespräch mit ihrem tschechischen Amtskollegen blickt die bayerische Arbeitsministerin Christine Haderthauer verhalten optimistisch in die Zukunft:

"Wir haben jetzt eine wesentlich bessere Arbeitsmarktsituation und deswegen durchaus eine Stimmung des Willkommens für tschechische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – da hat sich sehr, sehr viel verändert."

Diese veränderte Sichtweise kommt für viele hochqualifzierte Arbeitskräfte aus Tschechien aber zu spät. Die begehrten Facharbeiter mit Fernweh sind längst abgewandert nach Skandinavien oder Großbritannien. Auch Jakub überlegt, wohin seine Reise geht. Der 28-jährige Medizinphysiker hat sein Studium vor wenigen Wochen mit Bestnoten abgeschlossen. Er kann sich einen Job aussuchen. Viele seiner älteren Kommilitonen haben bisher einen Bogen um Deutschland gemacht – der bürokratische Aufwand war ihnen zu hoch.

"Ich bin sehr froh, dass wir bald leichter in Deutschland arbeiten können. Ich überlege, ob ich mir eine Stelle in Bayern suche. Dort könnte ich mich wohl fühlen – da gibt es nicht einen guten Lohn sondern auch schöne Natur und viele Berge."

So entspannt wie Jakub blicken die meisten Tschechen auf das Datum 1. Mai. Die Sorgen und Ängste der Deutschen werden eher belächelt. Viele Tschechen fahren schon jetzt gerne regelmäßig in das große Nachbarland. Mit der starken Krone in der Tasche sind dort aber nicht auf Arbeitssuche - sondern auf Einkaufstour in Bayern oder Sachsen.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:41 Uhr