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Kohl wird Denkmal

Festakt im Deutschen Historischen Museum für den Altkanzler

Von Stephan Detjen, Hauptstadtstudio

30 Jahre nach der Kanzlerwahl: Helmut Kohl am 27. September 2012 in Berlin (picture-alliance / dpa)
30 Jahre nach der Kanzlerwahl: Helmut Kohl am 27. September 2012 in Berlin (picture-alliance / dpa)

Mit einem Festakt in Berlin hat die CDU-nahe Konrad- Adenauer-Stiftung die Verdienste von Altbundeskanzler Helmut Kohl um die deutsche und europäische Einigung gewürdigt. Stephan Detjen war bei dieser eigenwilligen Veranstaltung dabei.

Zu beobachten ist eine Denkmalwerdung. Die Monumentalisierung eines Staatsmannes bei lebendigem, aber körperlich gebrochenem Leib. Am Ende wird das Denkmal sprechen. Steinern und einsam im Rollstuhl auf der Bühne. Nur einzelne Worte, Bruchstücke seiner Sätze, sind verständlich.

Helmut Kohl: "Es war klar, wir wollen weitermachen. Wir wollen weitermachen in der Einigung Europas."

Helmut Kohl ist an diesem Abend zum europapolitischen Johannes Paul dem Zweiten erhöht worden. So hat man jedenfalls bisher nur den späten Papst aus Polen in der öffentlichen Zurschaustellung von körperlichem Verfall und geistiger Glaubensstärke erlebt. Das Credo des Altkanzlers heißt Europa. Von phantastischen Zeiten, der Überwindung von Krieg und Feindschaft und der Gemeinschaft künftiger Generationen in Europa spricht Kohl. Und von Dankbarkeit – so viel jedenfalls bleibt verständlich

Helmut Kohl: "Nochmals vielen herzlichen Dank." (Applaus)

Manche der rund 700 Gäste reagieren mit Beklommenheit, manche mit Rührung auf diese Erscheinung.

Gut zwei Stunden lang ist Helmut Kohl davor als Staatsmann von historischer Bedeutung, Brückenbauer zwischen den Völkern, großer Europäer – und natürlich: Architekt der deutschen Einheit gewürdigt worden. In langer Folge reihen sich Grußworte von Botschaftern, Betrachtungen zu Deutschland und Europa, persönliche Würdigungen aneinander. In Videobotschaften gratulieren greise Staatslenker aus allen Himmelsrichtungen. George Bush der Ältere: Helmut Kohl wird als der größte Politiker des Nachkriegs Europas in Erinnerung bleiben

George Bush: "Helmut Kohl will be remembered as the greatest leader in postwar Europe."

Felipe Gonzales aus Spanien greift noch weiter aus: Kohl - der größte deutsche Kanzler seit Bismarck:

Felipe Gonzales: "Perro le gran cancelier de los tiempos de Bismarck."

Shimon Peres aus Israel: der Freund aus Deutschland habe die Tragödie beider Völker überwunden ohne sie zu vergessen:

Shimon Peres: "Dear Helmut, I am so glad to great you. Because you are unforgettable in overcoming – not forgetting – the greatest tragedy that our two peoples ever faced."

Und John Major aus Großbritannien erinnert den Altkanzler daran, wie der sich einst über streikende britische Bergarbeiter freute, die "Coal forever" forderten:

John Major: "And as they marched all around yelling at the top of their voices‚ 'coal forever!’ you were absolutely delighted."

Schließlich tritt Angela Merkel ans Rednerpult, listet innen- und weltpolitische Leistungen Kohls auf, erinnert sich an frühe Begegnungen, bei denen Kohl sie durch seine Zugewandtheit beeindruckt habe.

Angela Merkel: "So fragte er mich am Rande der Amerikareise 1991, wie in meinem Freundes- und Bekanntenkreis über ihn und seine Politik gesprochen wurde. Und er machte mir dann, als ich zögerte, deutlich, ihm lag an einer ehrlichen und unverschnörkelten Antwort. Die bekam er dann auch – musste mein Bekanntenkreis doch noch einen etwas längeren Weg der politischen Annäherung an den Bundeskanzler der CDU geführten Regierung gehen."

Schatten darf das Denkmal an diesem Abend nicht werfen. Kein Wort von den Verwerfungen, Verletzungen und Verstörungen, die der Ära folgten, die an diesem Abend gefeiert wird. Verzerrt wirkt das Monumentalgemälde nur, als die Kanzlerin den Graphiker würdigt, der das Kohl Portrait für eine Sonderbriefmarke gezeichnet hat, die Merkel am ende ihrer Laudatio präsentiert:

Angela Merkel: "Er hat es verstanden, die Persönlichkeit Helmut Kohls auf kleinstem Format zur Geltung bringen."

Der Ausgabebrief der Sondermarke ist vom zuständigen Minister unterschrieben. Wolfgang Schäuble. Auch der war da gewesen. Nach Beginn der Veranstaltung war er gekommen. Und noch während das Publikum Kohl am Ende stehend applaudierte, bewegte Schäuble seinen Rollstuhl im Hochtempo aus dem Saal, als sei er auf der Flucht.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:58 Uhr