Startseite > _Archiv > Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts > Beitrag vom 02.08.2013

Kohl wollte Türken zurückschicken

Britische Geheimprotokolle offenbaren Pläne der Ausländerpolitik von 1982

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl wollte 1982 die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken zurückschicken. (AP)
Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl wollte 1982 die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken zurückschicken. (AP)

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) will sich nicht in die Diskussion über seine 1982 geäußerte Erwägung einschalten, die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken in ihr Herkunftsland zurückzuschicken.

Zu Berichten über ein britisches Dokument mit entsprechenden Äußerungen Kohls erklärte dessen Büro in Berlin, der Alt-Kanzler werde sich "in der aktuellen Debatte nicht weiter äußern". Kohls "im britischen Papier insoweit korrekt wiedergegebene Position" sei damals auch in Deutschland "bereits Teil einer hinreichend und breit geführten Debatte zur Ausländerpolitik" gewesen. Kohl hatte den Ansatz von 1982 aber in seiner späteren Politik nicht weiterverfolgt: 1993 setzte er gegen innerparteiliche Widerstände durch, dass Ausländer der dritten Generation, die in Deutschland geboren wurden, den deutschen Pass bekommen konnten und erleichterte damit die Einbürgerung. Die Migranten trügen "ganz erheblich zum Wohlstand der Deutschen" bei und sicherten deren Renten mit, erklärte Kohl.

Briten gaben Geheimprotokolle frei

"Spiegel Online" hatte zuvor unter Berufung auf britische Geheimprotokolle berichtet, Kohl habe kurz nach seiner Amtsübernahme im Jahr 1982 die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken nach Hause schicken wollen.

Kohl war damals etwa vier Wochen im Amt. Das Papier unterliegt nach Ablauf einer 30-jährigen Frist nicht mehr der Geheimhaltung und kann daher eingesehen werden.

Türken kommen aus einer "andersartigen Kultur"

Der Alt-Bundeskanzler begründete seine Überlegungen laut Protokoll in einem Gespräch mit der britischen Premierministerin Margaret Thatcher damit, dass es unmöglich für Deutschland sei, "die Türken in ihrer gegenwärtigen Zahl zu assimilieren". Deutschland habe kein Problem mit Portugiesen, Italienern, "selbst den Südostasiaten". Die Türken kämen jedoch aus einer "andersartigen Kultur".

Als Beispiele für das "Aufeinanderprallen zweier verschiedener Kulturen" nannte Kohl laut "Spiegel online" Zwangsehen und Schwarzarbeit der Türken.

Gemischte Reaktionen auf Veröffentlichung

Der SPD-Parlamentsgeschäftsführer Thomas Oppermann sagte zu Kohls Äußerungen, erschreckend sei "das Denken, das sich dahinter verbirgt". Dieses Denken sei dadurch geprägt gewesen, dass Einwanderer und Flüchtlinge nur als Belastung gesehen wurden. Mittlerweile werde Einwanderung jedoch wegen des Fachkräftemangels als große Chance betrachtet. Zuwanderer reagierten auf die Enthüllung dagegen gelassen. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, sagte der "Berliner Zeitung": "Heute kann sich die politische Klasse so etwas nicht mehr leisten. Das ist ein Fortschritt." Der türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Memet Kilic (Grüne) erklärte: "Die Enthüllung von Helmut Kohls Gedanken mag neu sein, jedoch sind diese Gedanken seit Jahrzehnten die Linie der Unionsparteien."

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:15 Uhr